zur Startseite xxx Erinnerungen, Gefühle, Gedanken
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Ich hatte schon immer eine Abneigung dagegen, mich aufgrund irgendwelcher Eigenschaften einer bestimmten Gruppe zuordnen zu lassen. Da liegen sicher auch die Erfahrungen zugrunde, die ich schon in meiner Kindheit als Außenseiter in Schule und Familie gemacht habe, wo Gruppenzugehörigkeit für mich eher etwas unerreichbares war, und wo ich aus Gruppen heraus gemobbt wurde. So war ich ein Einzelgänger und auch heute habe ich oft noch große Schwierigkeiten mich in eine Gruppe zu integrieren. Gruppen haben ja oft etwas identitaätsstiftendes, und das ist wohl auch etwas, wogegen ich mich innerlich wehre. Mir wurde ja oft gesagt, wie ich bin, eine Heulsuse, ein Faulpelz, ein unerzogenes Kind. Und wenn ich heute drüber nachdenke, wie ich mich selbst charakterisieren könnte, dann ist da eine große Leere. Identität, das ist vielleicht mein Name, der in meinem Ausweis steht, dann ist da noch der Nick, den ich im Internet benutze. Wenn ich diese Homepage schlicht und langweilig Jörgs Homepage nenne, so auch deshalb, weil ich mich durch nichts weiteres festlegen möchte als durch den Namen und den nichtssagenden Allerwelts-Begriff Homepage. Ich bin immer noch auf der Suche nach mir selbst, und jedes Attribut, jedes Motto, und jegliche Themenschwerpunkte würden mich bei dieser Suche nur einschränken. Ich habe mir überlegt, ob ich mich hier - um der Klarheit willen - als Überlebender bezeichne, oder als Missbrauchsopfer. Jeder hat seine eigene Geschichte, und ich glaube meine weicht erheblich davon ab, was man sich im allgemeinen unter Missrauch im engeren Sinne vorstellt. Was sexuelle Übergriffe anbelangt, geben meine Erinnerungen nicht allzuviel her, meine Schamgrenzen wurden da allerdings schon im erheblichen Maße missachtet. Eine viel größere Rolle spielte das "drumherum", Schläge und verbales Mobbing, im Grunde genommen war es von allem etwas, und genau diese Mischung hat mir als Kind wohl auch erst so zugesetzt. Kann ich mich aufgrund dieser Vergangenheit als Opfer bezeichnen, oder als Survivor? Und welchen Sinn würde dies überhaupt machen? Um meine Vergangenheit zu bewältigen, macht das meiner Meinung nach weniger Sinn, es ist wie eine Festlegung, die eine Auseinandersetzung in Teilen vielleicht sogar behindert. Meine Kindheit kann ich unterm Strich nicht als positiv werten, was aber nicht ausschließt, dass es ja auch schöne Momente gab. Und Einnerungen verändern sich, bedingt auch durch ein Verändern der Gegenwart. Der sexuelle Missbrauch spielte lange Zeit so gut wie keine Rolle in meiner Wahrnehmung, auch in meiner langjährigen Therapie nur als Hypothese. Dies liegt vielleicht auch daran, dass meine Erinnerungen nicht so leicht in Verbindung zu bringen sind zu dem klassischen Bild von sexuellem Missbrauch. Im Vordergrund standen in meiner Therapie Alltagsängste, die mein Leben stark einschränkten, und diese waren auch der Grund, warum ich mehrere Jahre in einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit Angst- bzw. Panikstörungen war. Doch einige Probleme konnte ich in der Gruppe nicht ansprechen, meine Angst vor Frauen, und auch massive Probleme, die ich im im sexuellem Bereich hatte. Ich kann mich nicht an massive sexuelle Übergriffe in meiner Kindheit erinnern, aber am Ende meiner Therapie wurde mir doch bewusst, dass körperliche Wahrnehmungsprobleme auch daher rühren, dass meine Schamgrenzen als Kind in keiner Weise geachtet wurden, Verkrampfungen im Unterleibsbereich auch durch die "Toilettenerziehung", die ich "genossen" hatte, bedingt waren, Empfindsamkeiten bestimmter Körperregionen darauf zurückzuführen sind, dass ich als Kind an diesen Stellen "überstimuliert" wurde. Ich habe dies alles nicht verdrängt, im Laufe der Therapie bekamen bestimmte Erinnerungen allerdings dadurch einen völlig anderen Stellenwert, dass sie gegenwärtige Probleme erklären halfen. Reden konnte ich in der Therapie nur sehr schwer über diese Themen, außerhalb so gut wie gar nicht. Anfangs dachte ich auch, dies weitgehend ausklammern zu können, da die Probleme im sexuellen Bereich ja nur einen kleinen verzichtbaren Bereich meines Lebens ausmachen, und ich da ja noch ganz andere Probleme habe. Aber mehr und mehr merkte ich, wie doch alles miteinander zusammenhing, meine soziale Angst beispielsweise immer auch mit so einem Gefühl einherging, andere Menschen müssten mich als etwas dreckiges wahrnehmen, wenn sie mir näher kämen. Wie die Faust aufs Auge passte es, als ich Ende vorletzten Jahres die Eingangsseite von cellis Homepage las. Gerichtet nicht nur an Menschen, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, sondern auch Vernachlässigung, Schläge, emotionalen Missbrauch. Ich las auf der HP, und im Forum, und fand mich in vielen Schilderungen wieder. Nicht so sehr allein, was die Vergangenheit anbelangte, vor allem meine gegenwärtigen Probleme. Ich habe mich dort aufgehoben gefühlt, mich auf der anderen Seite aber auch immer wieder gefragt, ob ich auf einer Seite für Überlebende eigentlich sein kann, wenn ich selbst Problem habe, mich als einen solchen zu bezeichnen? Noch heute widerstrebt mir dieser Begriff, ebenso die Wörter Opfer oder Missbrauch. Aber diese Begriffe wurden mehr und mehr unwichtig, je mehr ich mir klar darüber wurde, dass es viel wichtiger ist, wie ich mit meinem heutigem Leben klarkomme. Erinnerungen an die Vergangenheit können da hilfreich sein, dass ich mir klarwerde, warum ich heute Probleme habe, woher diese kommen, dass ich nicht mit diesen als unabänderliche Eigenschaften auf die Welt gekommen bin, und folglich im Hier und Heute auch etwas an meine Problemen ändern kann. Eine Identifizierung über die eigene Vergangenheit ist vielleicht auch gerade deswegen nicht sinnvoll, weil ich ja die Schatten der Vergangenheit überwinden möchte. Das geht natürlich auch nicht, indem ich die Vergangenheit beiseite schiebe, so tue, als ob ich damit nichts zu tun hätte, eine Auseinandersetzung mit Erinnerungen ist da schon oft unumgänglich. Ich bin mir inzwischen aber auch klar darüber, dass auch die Erinnerungen keine objektive Aufzeichnungen der Vergangenheit sind, dass sie sich im Laufe der Zeit, in der ich mich ja auch weiterentwickle, sich ebenso verändern. Ein Problem stellt für mich manchmal noch die Frage eines anderen, ob ich ein Überlebender sei oder auch ein Opfer. Auch ich stelle diese Frage anderen ab und an. Es ist wohl die Frage nach dem Motiv, warum sich jemand an einem Gespräch beteiligt z.B. in einem Chat für Überlebende. Ist es Neugier über etwas, was man als Nicht-Betroffener nicht kennt, oder tauscht man sich als Betroffener im Nehmen und Geben aus? Ich denke, dass die Grenzen da fließend sind, so wie sie bei mir lange Zeit fließend waren, und auch heute noch fließend sind. Jeder hat eine andere Geschichte, und auch die Frage, wessen Geschichte war schlimmer, kann schlecht als Maßstab herhalten, um die Frage zu beantworten, ob man nun Überlebender, Opfer oder Betroffener ist oder nicht. (Aber um anderen Klarheit über meine Motive zu schaffen, bezeichne ich mich auf Nachfrage dann doch als Betroffener.) Das Wort Opfer kommt mir oft wie eine Etikettierung vor, eine Zuordnung zu einer bestimmten Gruppe. Es gibt sicher auch nicht wenige Menschen, die einen Opfer-Status anstreben, weil eine Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft der Opfer auch bestimmte Vorteile verspricht, so z.B. ein Mehr an Aufmerksamkeit. Ich denke, dass man sich mit einer starken Selbst-Identifizierung als Opfer letztendlich selbst mehr schadet als nützt, entweder weil man bestimmte Problem überzeichnet, die man gar nicht hat, und sich dadurch sogar neue verschafft, oder weil man bestehende Probleme verfestigt, da man sich über diese ja identifiziert. Ganz verdammen möchte ich eine Gruppenzugehörigkeit auch nicht. Identitätsstiftend für solche Gruppen sind im Idealfall vielleicht aber mehr die Wege, die man gemeinsam geht, um die Vergangenheit zu verarbeiten, als die Vergangenheit selbst. Und in dem Sinne kann ich als notorischer Einzelgänger mich sogar in einer Gruppe einigermaßen wohlfühlen :-). |