| Kampagne: Mehr Respekt vor Kindern 1. Kinder haben das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung 2. Erzieungs-Vorurteile und Tatsachen 3. Arbeit der Beratungsstellen 4. Erziehungsgrundlagen 5. Telefonberatung, Broschüren, Bücher, Links 6. Die Bilder der Kampagne Elterliche Abhängigkeit von ihren Kindern und Hilfsmöglichkeiten Beispiel Elternschulung: autoritativer Erziehungsstiel |
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Quelle: 1,2,3 |
| Kinder haben das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung | |||
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NIETE, TROTTEL, VERSAGER WORTE KÖNNEN KINDER SCHLAGEN. In der Kindererziehung ist kein Platz für Demütigung und seelische Verletzung. Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Und davon profitieren Eltern und Kinder gleichermaßen. Kinder sind vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung auch durch die Eltern - zu schützen. Mit diesen Worten fordert die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen seit mehr als zwanzig Jahren das Recht von Kindern auf körperliche Unversehrtheit ein. Dennoch kommt es in vielen Familien immer wieder zur Anwendung
von Gewalt: Mehr als die Hälfte aller Eltern in Deutschland
bestraft ihre Kinder mit Ohrfeigen oder noch schwerwiegenderen Maßnahmen.
Rund 1,3 Millionen Kinder werden regelmäßig körperlich
misshandelt, wie wissenschaftliche Studien belegen. In dem neuen
Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung, das der
Bundestag am 6. Juli 2000 verabschiedet hat, wird unmissverständlich
festgehalten: Gewalt Gesetzliche Regelungen allein führen aber noch nicht zur erforderlichen
Bewusstseinsänderung. Deshalb hat das Bundesministerium
Mit der Kampagne Mehr Respekt vor Kindern soll Gewalt
in der Erziehung gesamtgesellschaftlich geächtet werden. Der
Blick ins europäische Ausland zeigt, dass dieses Ziel durchaus
erreicht werden kann. In Schweden machte eine groß
angelegte Informationskampagne das Gesetz zum Verbot jeglicher Körperstrafen
in der Erziehung öffentlich bekannt. Dieses führte bei
vielen Eltern zur Verhaltensänderung: Die Anwendung von Gewalt
gegen Kinder hat in Schweden nach der |
| ERZIEHUNGS-VORURTEILE UND TATSACHEN | |||
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1. EINE OHRFEIGE IST DOCH KEINE GEWALT! EINE OHRFEIGE
SCHADET NICHTS! 2. WER NICHT HÖREN WILL, MUSS FÜHLEN. Kinder wollen Klarheit, wollen wissen, woran sie bei den Eltern sind aber Kinder provozieren keine Schläge, schon deshalb nicht, weil sie ihren Eltern körperlich unterlegen sind. Mit Gewalt erreicht man nichts. Erst recht wachsen durch körperliche Züchtigung keine Kinder mit aufrechtem Gang heran. Aber nicht die Ohrfeigen und Klapse allein erniedrigen. Kinder leiden auch unter den Folgen seelischer und sprachlicher Gewalt: Man darf sie auch nicht totreden oder mit dem Entzug von Liebe bestrafen: Wenn du das weiter machst, hat Mama/Papa dich nicht mehr lieb! 3. MANCHMAL PROVOZIEREN KINDER SO LANGE, BIS SIE EINEN KLAPS BEKOMMEN! Kinder betteln nicht nach Schlägen und Niederlagen, sie sehnen sich nach Zuwendung und Anerkennung, sie möchten von ihren Eltern so angenommen werden, wie sie nun mal sind. Aber Kinder wünschen sich auch Klarheit Klarheit in der Sprache und im Handeln von Eltern. Kinder wollen Mütter und Väter, die ihnen Halt geben und ihnen Grenzen setzen, weil sie Orientierung brauchen. Sie wollen Eltern, denen sie vertrauen können und die heute nicht anders reden, als sie morgen handeln. Kinder möchten sich auf ihre Eltern verlassen, denn sie benötigen Halt und Zuwendung durch Nähe und Distanz nicht durch Schläge und sprachliche Abwertung. 4. EINE OHRFEIGE HAT NOCH NIEMANDEM GESCHADET. Hinter Ohrfeigen und Klapsen versteckt sich ein Erziehungsstil, der Kinder nicht respektiert. Deshalb geht es nicht um eine Ohrfeige, den Klaps, die ab und zu gegeben werden oder die Schimpfkanonade, die man mal loslässt. Wenn Kinder körperliche und sprachliche Schläge im Namen des Guten z. B. der elterlichen Autorität erfahren lernen sie ein Modell, das sie später im Leben manchmal fortführen. Auch sie wenden dann sprachliche und körperlich Gewalt an, um eigene Interessen durchzusetzen. Geschlagene Kinder können so zu schlagenden Eltern werden. 5. GEWALTFREI ERZIEHEN HEISST, DASS ICH ALLES DURCHGEHEN LASSE. Kinder brauchen Eltern, die Grenzen setzen, Kinder wollen Eltern, die konsequent erziehen. Kinder haben Probleme mit Eltern, die einen grenzenlosen Erziehungsstil praktizieren; Kinder fürchten Eltern, die mit Zuckerbrot und Peitsche handeln. Aber Setzen von Grenzen in der Erziehung kann nur auf der Basis gegenseitiger Achtung und beidseitigen Respekts geschehen. 6. ERZIEHUNGSTHEORIE IST SCHÖN UND GUT, ABER Erziehen ist ein schwieriges Geschäft, bei dem man häufig scheitert oder nicht mehr weiter weiß. Mehr denn je kommt es darauf an, Eltern nicht wegen jeden Fehlers an den Pranger zu stellen, ihnen mit Besserwisserei zu begegnen. Wichtiger ist, Eltern in ihrer pädaogischen Unvollkommenheit anzunehmen, ihnen mit Verständnis zu begegnen. Nur Eltern, die sich verstanden und angenommen fühlen, sind bereit, an der Überwindung von Fehlern zu arbeiten, sich pädagogische Niederlagen einzugestehen. Ein Erziehungsperfektionismus lässt die Beziehung zum Kind erkalten, führt schnell zu Versagensgefühlen der Eltern (Warum ist es bei mir nur so?). Eltern brauchen Begleitung, Unterstützung. Klapse und Ohrfeigen kommen im Alltag vor, sie entstehen in Stresssituationen oder sind Ausdruck brüchiger Eltern-Kind-Beziehungen. Wer sich als Mutter oder Vater dazu hinreißen lässt, sollte sich beim Kind entschuldigen und gemeinsam mit dem Kind darüber nachdenken, wie diese Erziehungsfehler zukünftig zu vermeiden ist. 7. WER EINE BERATUNGSSTELLE AUFSUCHT, HAT IN DER ERZIEHUNG VERSAGT. Eltern brauchen Begleitung bei ihrer verantwortungsvollen Aufgabe, Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern und zu unterstützen. Eltern brauchen Bestätigung und Ermutigung, nicht ständige Kritik und Bevormunderei, schon gar nicht den drohenden Zei-gefinger. Und schließlich: Man muss nicht so lange warten, bis ein Kind in den Brunnen gefallen ist. Wichtiger ist, Eltern dann zu unterstützen, wenn das Kind auf dem Brunnenrand turnt. Eltern, die sich Hilfe in einer Beratungsstelle holen, haben nicht versagt. Manche Eltern wissen einfach nicht mehr weiter. Und sie holen sich in ihrer Ratlosigkeit Unterstützung, sind bereit, aus gemachten Fehlern persönliche Konsequenzen zu ziehen. Wieder andere Eltern wollen in ihrem pädagogischen Handeln souveräner werden. Nötiger denn je ist eine professionelle Begleitung von Eltern, die sie unterstützt und ermutigt. Dazu bedarf es eines Netzwerkes, um viele Eltern zu erreichen. Einfache Merksätze können bei der Erziehung durchaus nützlich sein. Doch Mütter und Väter sollten sie nicht ungeprüft übernehmen, nur weil sie ständig wiederholt werden. |
| Arbeit der Beratungsstellen | |||
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Frau F. im sportlichen Kostüm und Herr F. im Leinenanzug hätten an diesem Morgen in jedem der netten Straßencafés der Einkaufszone vor der Tür eine gute Figur gemacht. Doch ihre Gesichter vertreiben jeden Gedanken an einen entspannten Milch-kaffee. In ihnen liest man die charakteristische Mischung aus Aufgedrehtheit und Erschöpfung, die Menschen nach schlaflosen Nächten verbreiten. Kein Wunder, denn in der letzten Nacht haben sie sich wieder dabei abgewechselt, ihren 3-jährigen Sohn mit Spielen und Geschichten bei Laune zu halten. Wenn sie sich auch nur für ein paar Minuten übermüdet zurückzogen, ertönte aus dem Kinderzimmer lautes Gebrüll. Für Ruth Perlitz (53), Diplom-Psychologin und Leiterin der Beratungsstelle für Eltern, Jugendliche und Kinder in Bergisch Gladbach bei Köln, ist es das erste ihrer durchschnittlich fünf Beratungsgespräche an diesem Tag. Sie kennt viele solcher Geschichten und dennoch sind sie immer wieder neu. Auch wenn sich die Situationen oft gleichen, ist doch jede Beziehung zwischen Eltern und Kind ganz einzigartig. Und deshalb besteht unsere Arbeit darin, die Besonderheit zu verstehen und daraus Lösungen zu entwickeln. All die Einzelberatungen und speziellen Gruppentherapien, die hier angeboten werden, sind kostenlos. Und sie sind immer vertraulich. Andere Stellen werden nur kontaktiert, wenn die Eltern dazu ihre Erlaubnis gegeben haben. Für die meisten Mütter und Väter besteht die erste große Überraschung darin, dass sie hier niemals Vorwürfe zu hören bekommen. Selbst bei Eltern, denen die Hand ausgerutscht ist, suchen die Beraterinnen und Berater zunächst nach Gründen und dann vor allem nach gewaltfreien Mitteln der Konfliktlösung. Die Ursache für das vermeintlich letzte Mittel liegt ja meist nicht im bösen Willen, sondern in der Überforderung der Eltern. Die Bereitschaft, sich sachkundigen Rat zu holen, ist für Bernhard Wollmann (48), Psychologe und Psychotherapeut, schon der entscheidende Schritt: Mütter und Väter, die sich an uns wenden, beweisen damit ja, dass sie nach anderen, gewaltfreien Wegen suchen. Ruth Perlitz und ihre Kolleginnen und Kollegen stellen eigentlich nur eine einzige Bedingung: Offenheit. Kinder und ihre Probleme sind eben keine Schuhe, die man bei uns abgibt und nach ein paar Tagen repariert wieder abholt. Eltern müssen bereit sein, die Familie mit anderen Augen zu sehen und dann im Erziehungsalltag etwas Neues zu wagen. Sowie das über-nächtigte Ehepaar F., das die Beratungsstelle mit dem Wissen verlässt, dass ihr Sohn gerade die Grenzen der Eltern auslotet. Und dass es ihre Aufgabe ist, solche Grenzen zu setzen, indem sie das Kind rechtzeitig zu Bett bringen, es dann ruhig einmal lärmen lassen und nachts nicht mit ihm spielen. Bernhard Wollmann sitzt währenddessen mit Frau L. und ihrer 13-jährigen Tochter Silke zusammen. Beide sind schon zum dritten Mal hier und versuchen unter behutsamer Anleitung ihres Beraters ein neues Vertrauensverhältnis zueinander aufzubauen. Dass sie überhaupt wieder miteinander reden, ist schon ein enormer Fortschritt, denn Silke hatte sich ganz in sich zurückgezogen, weil sie die Mutter für die Scheidung vom geliebten Vater verantwortlich machte. Im Sekretariat ist unterdessen eine telefonische Mitteilung vom Kollegen und Diplom-Psychologen Thomas Lindner (48) eingegangen. Denn sein Termin mit dem Klassenlehrer des 10-jährigen Fabian dauert länger als erwartet. Die Eltern haben Thomas Lindner die Genehmigung zu dieser Recherche gegeben, weil sie nicht mehr ein noch aus wissen, seit sich der Junge nach dem Übergang zur Realschule so aggressiv verhält. Im Laufe der Jahre haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Beratungszentrums so die meisten Kindergärten und Schulen der Umgebung kennen gelernt, denn manchmal äußern sich zu Hause Probleme, die anderswo ihre Ursache haben. Die Mittagspause ist die einzige Zeit des Tages, in der das 10-köpfige Team zur Ruhe kommt. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, wo Termine abgestimmt und Erfahrungen, z. B. der abendlichen Trennungsgruppe, ausgetauscht werden. Und schon beginnen Türklingel und Telefon gleichzeitig zu läuten, um für den Rest des Nachmittags nicht mehr zu verstummen: Die Mädchen und Jungen der Kindertherapie nehmen das Spielzimmer unter Beschlag. Ganze Familien lassen sich in den Gruppenzimmern nieder, um im Gespräch oder in kleinen Rollenspielen ein neues Miteinander zu erproben. Und immer wieder finden Einzelberatungen statt, in denen z. B. kleinere Kinder mit Handpuppen ihre Sicht der Familienprobleme darstellen. Wenn ein normaler Arbeitstag zu Ende geht, haben 50 Menschen die Beratungsstelle aufgesucht. Einem Viertel der Eltern genügte schon eine ein- bis anderthalbstündige Beratung, um auf meist eine spezielle Erziehungsfrage eine befriedigende Antwort zu erhalten. Die Mehrzahl der Mütter und Väter werden sich jedoch über ein halbes Jahr oder länger immer wieder einfinden, um ihr Problem in den Griff zu kriegen. Kein Wunder, dass sich so ein Vertrauensverhältnis aufbaut, das die eigentliche Beratungszeit überdauert. Manche Mutter greift da schon einmal spontan zum Telefon, um sich Tipps für die Kommunionsfeier zu erbitten oder das TV-Kinderprogramm zu kritisieren. Rund 1.000 Familien hilft die Bergisch Gladbacher Beratungsstelle im Jahr und die Zahl der Ratsuchenden wächst ständig. Deshalb verstärkt seit einiger Zeit Diplom-Pädagogin Ute Faßbender (35) das Team, und sie hat schnell das Erfolgsrezept der alten Hasen verstanden: Die Eltern spüren, dass wir für sie da sind. Wir zwingen ihnen nichts auf, sondern wir bringen sie auf ihren ganz eigenen Weg zu einem funktionierenden Miteinander von Kindern und Eltern. |
| Erziehungsgrundlagen | |||
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MERKZETTEL FÜR EINE ECHTE PARTNERSCHAFT ZWISCHEN ELTERN UND KINDERN 1. KINDER BRAUCHEN HALT UND ORIENTIERUNG
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| Telefonberatung, Broschüren, Bücher, Links | |||
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TELEFONISCHE BERATUNG In Erziehungsfragen beraten Erziehungs-, Ehe- und Familien-beratungsstellen der Städte und Gemeinden, Kirchen und Verbände, die familienorientierte Hilfe leisten (Wohlfahrts-verbände: Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband, Arbeiter-wohlfahrt, Caritas, Diakonisches Werk, Deutsches Rotes Kreuz). Kinder- und Jugendtelefon ELTERNBRIEFE Die Elternbriefe des Arbeitskreises Neue Erziehung e.V., Berlin
Sie erhalten die Sonderelternbriefe beim Arbeitskreis
Viele Verbände und Einrichtungen geben eigene Zeitschriften
und Informationshefte heraus, die Eltern eine Fülle praktischer
Ratschläge zur Erziehung geben. HIER EINE AUSWAHL:
Beinahe jede Buchhandlung hält mehrere Erziehungsratgeber bereit, größere Geschäfte verfügen sogar manchmal über eine eigene Abteilung, in der Eltern eine breite Auswahl zu den unterschiedlichsten Fragen vorfinden. Zeitschriften Zeitschriften für Eltern Alle Zeitschriftengeschäfte und Kioske haben regelmäßig erscheinende Magazine für Eltern im Sortiment. INFOS IM INTERNET www.familienbildung.de [Anmerkung des SP-Kompendiums: unsere Links zum Thema finden sich hier] |
| Wenn Kinder zum Partnerersatz werden | |||
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Elterliche Abhängigkeit von ihren Kindern und Hilfsmöglichkeiten Kinder sind für ihre Eltern neben dem Partner die nahestehendsten
Menschen. Aus dieser für die Kinder förderlichen und positiven
Rolle, einer Grundbedingung für eine glückliche Kindheit,
erwachsen dann Gefahren, wenn die Mutter oder der Vater meist unbewußt
und In folgenden beispielhaften Beziehungen kann es zu problematischen Bündnissen zwischen Eltern (Vater oder Mutter) und Kindern (Sohn oder Tochter) kommen.
Wodurch sind solche problematischen Bündnisse möglich und was leistet ihnen Vorschub:
Hier liegt eine große Gefahr, das Kind in dieser Krise als Unterstützung anzunehmen und es als Ersatz für den Partner fungieren zu lassen.
Welche Folgen hat die Rolle des Ersatzpartners für das Kind:
Lösungen
KONTAKTE - HILFEN - LITERATUR Auch Psychologinnen und Psychologen bieten Beratung und psychotherapeutische
Unterstützung an. Die Kosten für Psychotherapie zahlt in
der Regel die Krankenkasse. Adressen über die Gelben Seiten der
Telefonbücher, durch die Krankenkasse oder für Verhaltenstherapie
über die "Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie",
Postfach 1343, Gerhard Leinhofer: Glückliche Kinder trotz Trennung der Eltern.
MVG-Verlag Taschenbuch Nr. 425 1990 12,80 Quelle: WDR sendung vom 22.06.98: "VORNAME GENÜGT" |
| Die autoritative Elternschulung und seine Wirksamkeit | |||
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Im Folgenden wird die Elternschulung "Triple P" betrachtet, dessen Ziel ein autoritativer Erziehungsstiel ist. Die Abkürzung steht für "Positive Parenting Program". Ist Triple P nur die jüngste von immer neuen Moden auf dem Erziehungsmarkt? Nur ein weiteres flott formuliertes pädagogisches Konzept, das in ein paar Jahren vom nächsten Trend abgelöst und bald darauf vergessen sein wird? Nicht zu erwarten. Denn was so trügerisch einfach daher kommt, beruht nicht auf den Eingebungen eines selbst ernannten Therapeuten oder Erziehungsberaters, sondern ist einer der wenigen Elternkurse, deren Erfolg wissenschaftlich belegt ist. Dass Triple P anders ist, lässt sich etwa daran erkennen, dass die Trainerin einen Teil der Sitzung per Videokamera aufzeichnet; die Bänder werden später von Wissenschaftlern ausgewertet. Auch müssen sich Kursleiter alle zwei Jahre neu lizenzieren lassen, um das Unterrichtsniveau zu garantieren. Und: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert derzeit eine Wirksamkeitsstudie, weil sie das Training für sehr Erfolg versprechend hält. Die "Prinzipien des Positive Parenting Program sind so einfach, dass sie jeder Fünfjährige verstehen kann", sagt Professor Kurt Hahlweg von der TU Braunschweig, der deutsche Initiator des Programms. Was beabsichtigt ist: Schließlich sind Kinder auch die Zielgruppe der Eltern. Elternschulungen wie Triple-P beruhen überwiegend auf einem verhaltenstherapeutischen Ansatz. Sie suchen nicht - wie die so genannten kognitiven Therapien - die Persönlichkeit der Eltern und Kinder zu ergründen, und sie unternehmen auch keine langwierigen Gesprächstherapien. Sie gehen davon aus, dass Eltern sich meist ungewollt falsches Verhalten angewöhnt haben: einen ineffektiven Umgang mit ihren Kindern, den es zu korrigieren gilt. Rund 70 Prozent der Eltern verändern nach einem guten Training dauerhaft ihr Verhalten. Forscher halten die Wirksamkeit von Elternausbildung für inzwischen so hinreichend belegt, dass sie vorschlagen, in Zukunft solche Kurse bereits an Schulen anzubieten, spätestens aber werdenden Eltern während der Schwangerschaft. Das könnte langfristig Verhaltensstörungen, Kriminalität und Schulproblemen vorbeugen. Volles elterliches Engagement wirkt im besten Falle wie ein Schutzschild gegen Risiken aller Art, nicht nur gegen genetische Armut, heruntergekommene Nachbarschaft, psychische Probleme, Ehestress, Arbeitslosigkeit, schlechten Einfluss von Gleichaltrigen - solche Risikofaktoren können die Kindesentwicklung nachhaltig beeinträchtigen, aber sie werden durch elterliche Erziehung abgemildert oder verstärkt. Für eine "Oregon-Scheidungsstudie" wurden 238 Mütter rekrutiert. Sie stammten aus allen Schichten und Altersklassen und hatten nur dreierlei gemein: Sie waren seit kurzem geschieden, lebten ohne Partner und hatten mindestens einen Sohn zwischen sechs und zehn Jahren. Es handelte sich um verzweifelte Frauen, von denen viele in erdrückender Armut lebten. Die meisten hatten über den Trennungszwist die Erziehung vernachlässigt, etliche Jungen zeigten bereits Verhaltensauffälligkeiten: Sie gehorchten selten und schlugen sich häufig. Die Ergebnisse einer Studie lassen keinen Zweifel: Den Söhnen der trainierten Mütter ging es in allen Belangen besser. Im Vergleich zu den Kindern der Kontrollgruppe waren sie weit weniger aggressiv, verübten weniger Straftaten, waren seltener depressiv, trieben sich seltener mit anderen Problemkindern herum, gehorchten eher, sogar ihre Lesefähigkeit hatte sich verbessert. Auch die Lehrer bewerteten diese Kinder als positiv verändert - was bemerkenswert war, weil die Lehrer nicht wussten, wessen Mütter trainiert worden waren. Auch die Frauen hatten von dem kurzen Training profitiert.
Sie litten seltener unter Depressionen, ihr Jahreseinkommen lag nun
- ein verblüffendes Ergebnis - im Schnitt um 2000 Dollar höher
als das der untrainierten Mütter, und sie hatten ihre neuen Partner
viel seltener gewechselt, hatten also entscheidende Risiko-faktoren
ihres Lebens reduziert. Nicht nur traten sie ihren Söhnen gegenüber
entschiedener auf, sie gewannen allgemein an Lebenskompetenz. Die untrainierten Mütter und deren Söhne waren dagegen aggressiver, depressiver, sie stritten sich noch häufiger, und die Kinder gehorchten noch widerwilliger als zu Beginn der Studie. Sie steckten in der typischen Abwärtsspirale dysfunktionaler Familien. Ein ähnliches Bild zeigte eine französische Studie am Beispiel der - ebenfalls hochgradig vererblichen - Intelligenz. In der Kindheit missbrauchte und vernachlässigte Adoptivkinder konnten in harmonischen, wohlhabenden Familien ihren IQ um 19 Punkte steigern - weit mehr als Adoptivkinder in dysfuntionalen Familien. Erziehungstraining für Eltern kann das Leben der Kinder entscheidend verbessern. |
| Ziel: "Autoritativer" Erziehungsstiel | |||
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Der Hauptfehler der Erziehung: Statt erwünschtes Kinderverhalten
zu fördern, bemühen sie sich, unerwünschtes auszutreiben
- durch Drohungen, durch Schimpfen, Schreien, Schlagen. Das kann
nicht funktionieren, weil Kinder, weil Menschen so nicht lernen.
Familien verstricken sich dabei in Zwangsverhalten: Ihre
Mitglieder versuchen einander nicht durch Belohung und Aufmerksamkeit
zu beeinflussen, sondern durch Bestrafung und Demütigung.
Kinder werden so regelrecht auf Aggression trainiert. Die hohe Kunst der Nichtverstärkung: Effektive Erziehung
ist der richtige Umgang mit Verhaltensverstärkungen.
Wer von Kindern ein bestimmtes Benehmen erwartet, muss es positiv
bekräftigen durch Lob, Belohnungen, Aufmerksamkeit. Und unerwünschtes
Betragen sollte so wenig wie möglich verstärkt werden
- das ist der schwierige Part. Die üblichen elterlichen Sanktionen
wie Drohen und Schimpfen sind riskant, weil auch sie bestärken
und allzu leicht in den Zwang führen. Die hohe Kunst der Nicht-Verstärkung
erfordert besondere Techniken wie "absichtliches Ignorieren"
oder "Stiller Stuhl", die im Elterntraining gelehrt werden.
"Autoritativer" Erziehungsstiel: Eltern "prosozialer" Kinder unterscheiden sich von anderen nicht dadurch, dass sie liebevoller oder strenger oder motivierender sind. Sie erziehen anders, weil sie all dies gleichzeitig sind: zugeneigter und strikter und fördernder. Sie wirken als Maximalisten, sie machen weniger Kompromisse und verstehen es, die drei entscheidenden Dimensionen der Erziehung miteinander zu vereinen: Sie schenken viel Liebe; sie setzen klare Regeln und bestehen konsequent auf deren Einhaltung; und sie fördern die Persönlichkeit, die Kreativität ihres Kindes. Der Stil umfasst ein ganzes Bündel von Tugenden. Zu ihnen zählen: Warmherzigkeit, Aufmerksamkeit, Gespür für den jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes, aber auch so praktische Dinge wie monitoring - also das Wissen darum, was ein Kind anstellt, wenn es nicht zu Hause ist, wie seine Freunde heißen, wo es nach der Schule spielt. Das ist keineswegs selbstverständlich, manche Eltern nehmen kaum Anteil am außerfamiliären Leben ihrer Kinder. Autoritative Mütter und Väter sind keine Übereltern.
Sie reden viel und ermuntern zum Reden. Sie unterscheiden
streng zwischen Verhalten und Persönlichkeit, nie beantworten
sie schlechtes Benehmen mit Angriffen auf die Person: "Du Trottel,
du Versager" gehört nicht in ihren Wortschatz. Zugleich
verlangen sie von ihren Kindern ein hohes Maß an Kooperation
und angemessenen sozialen Umgangsformen. Es ist offenbar
diese Mischung aus Anspruch und Anteilnahme, die autoritativ erzogene
Kinder lebenstüchtiger macht. Sie verfügen meist über
größeres Selbstbewusstsein, sind seltener depressiv,
ängstlich oder aggressiv, sie absolvieren die Schule meist
ohne Probleme und konsumieren weniger Drogen. |
| Vier Schritte zum autoritativen Erziehungsstiel | |||
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Der erste Schritt jeder Erziehungs-Veränderung lautet: beobachten und zählen. Ganz konkret: Was tut mein Kind tatsächlich, welches (un)erwünschte Verhalten legt es an den Tag - und wie oft? Gerade in Familien bleibt vieles schwammig: "Irgendwie ärgert die mich nur, irgendwie streitet der immer." Beobachten und zählen ist ein Wirklichkeitstest, der
Eltern zu erfassen zwingt, was ihr Kind tatsächlich tut. Der
Aha-Effekt, der dabei üblicherweise eintritt, verrät,
wie sehr ein ungeprüfter Eindruck täuschen kann. Zudem
gehört zum Beobachten auch die Selbstbeobachtung. "Ich
habe mich durch die Übung gefragt: Was ist eigentlich meine
Beziehung zu meinem Kind?", erzählt eine Mutter. "Und
festgestellt, dass es viel mehr schöne Momente zwischen uns
gibt, als ich gedacht hatte." Der Veränderung dienen viele Strategien, vom "beiläufigen Lernen" bis zur "Fragen-Sagen-Tun-Methode". Aber es gehört dazu beispielsweise auch eine effektive Art, Kinder anzusprechen. Das geht so: auf Augenhöhe mit dem Kind, wofür man sich hinknien sollte; im Abstand von etwa einer Armeslänge, weil Kinder sich sonst nicht angesprochen fühlen; in klaren Worten und ganz ruhig. Der dritte Schritt: das Kind loben,
belohnen. Gewünschtes Verhalten fördern, nicht überschwänglich,
aber konsequent. Das ist erstaunlich schwer, hat "Triple-P-Trainer"
Kurt Hahlweg beobachtet: "Es ist überraschend, wie selten
Eltern mit positiver Bestärkung arbeiten." Die meisten
Eltern haben zwar kein Problem, ihre Kinder zu belohnen. Doch sie
tun es selten bewusst ein und meist nur bei besonderen Anlässen.
Besonders heikel ist der vierte Schritt: Strategien im Umgang mit Problemverhalten. Darunter auch solche, die oft entschiedenen Widerstand hervorrufen. Etwa der Vorschlag, auf Drohungen zu verzichten. "Wenn... dann..."-Sätze sind vermutlich die beliebtesten im Kinderzimmer, Strafverheißung ist Mamis letzte Waffe - die fast immer in Geschrei endet. Triple P empfiehlt stattdessen "logische Konsequenzen" - weil Kinder nicht durch Worte lernen. Max will morgens nicht die Hose anziehen? Gut, dann geht er im Schlafanzug in den Kindergarten. Paula und Franziska streiten sich lauthals, welcher Videofilm laufen soll - also bleibt der Fernsehapparat eine Viertelstunde lang aus. Nicht reden, handeln. Der Vorteil für Eltern ist: Sie können ganz ruhig bleiben. Doch gerade das fällt vielen schwer, weil sie sich in diesen Situationen gewissermaßen selbst abschaffen: Nicht sie, sondern die Konsequenzen sprechen. Das erleben Eltern in Zeiten, in denen "Reden" als höchste Erziehungstugend gilt, als narzisstische Kränkung. Noch umstrittener sind nur noch "Stiller Stuhl" und "Auszeit". Sie bilden die äußersten Mittel der positiven Erziehung: Kinder, die sich partout nicht beruhigen, müssen je nach Alter für zwei bis zehn Minuten in eine Ruhezone, zum Abkühlen. Diese "Strafe" soll Brüllen und Schlagen ersetzen. Aber viele der Eltern empfinden sie nur als Variante von "ab in den Kohlenkeller". Doch um die Auszeit haben die Forscher ein ganzes Kompendium von Empfehlungen gebaut, um sie auf ihren Kern zu fokussieren: die Vermeidung von Verstärkung. |
| Die wichtigsten Erziehungstipps | |||
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FAMILIENREGELN UND "DIREKTES ANSPRECHEN": Familien sollten sich wenige wichtige Regeln geben, die für alle Mitglieder gelten, etwa: Es wird am Tisch gegessen. Oder: Wir schlagen nicht und schreien uns nicht an - was auch für die Geschwister untereinander gilt. Entscheidend ist: Wird eine dieser Grundregeln verletzt, müssen Eltern sofort einschreiten und auf der Einhaltung beharren ("direktes Ansprechen"). Nur so lernen Kinder die Verbindlichkeit von Übereinkünften. KLARE ANWEISUNGEN UND "LOGISCHE KONSEQUENZEN":
Viele Konflikte in Familien resultieren aus mangelhafter Kommunikation.
Eltern geben beiläufige oder unklare Anweisungen, Kinder wissen
nicht, was sie tun sollen. Wenn Mütter und Väter etwas
von ihrem Kind verlangen, sollten sie dessen Aufmerksamkeit gewinnen,
genau sagen, was sie von ihm erwarten, ihm Zeit geben, der Aufforderung
nachzukommen - und es anschließend loben. Weigert sich das
Kind, sollten "logische Konsequenzen" folgen. Beispiele:
Kinder streiten sich lauthals über das Fernsehprogramm, also
wird das TV-Gerät ohne Debatte für zehn Minuten abgeschaltet.
Oder: Ein Sohn will den Fahrradhelm nicht aufsetzen, also wird das
Fahrrad für eine halbe Stunde weggestellt. Wichtig: Eltern,
die nicht bereit sind, eine Konsequenz durchzusetzen, sollten ein
Problemverhalten erst gar nicht ansprechen. Tadeln und Drohen ohne
Folgen führen nur zu Streit. UNGEWOLLTE BELOHNUNG: Wenn Eltern einem Kind Spielzeug oder Süßigkeiten geben, um es von einem Fehlverhalten abzubringen, wird dessen Verhalten vielmehr belohnt - und tritt wahrscheinlich häufiger auf. Auch Schimpfen oder langes Diskutieren schenken Aufmerksamkeit und verstärken eher das Verhalten, das verhindert werden soll. IGNORIEREN VON ERWÜNSCHTEM VERHALTEN: Einige Kinder haben wenig oder gar nichts davon, wenn sie sich gut benehmen. Im Gegenteil: Angemessenes Verhalten findet meist viel weniger Beachtung als schlechtes. Wenn Kinder bei gutem Betragen ignoriert werden, lernen sie, dass sie nur durch Krawall auf sich aufmerksam machen können. INEFFEKTIVER UMGANG MIT ANWEISUNGEN: Ob Kinder eine Anweisung befolgen, hängt stark davon ab, wie Eltern sie geben. Die häufigsten Probleme dabei:
WIRKUNGSLOSER EINSATZ VON STRAFE:
EMOTIONALE MITTEILUNGEN: Demütigende Äußerungen wie "Du bist einfach nur dumm" schwächen das Selbstwertgefühl des Kindes und lösen Widerstand und Wut aus. Es muss für Eltern immer darum gehen, Verhalten zu regulieren, nicht die Persönlichkeit des Kindes anzugreifen. |