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Soziale Phobie Kompendium: Elternschulungen

Erziehung

Drucklayout vs. Onlinelayout
Kampagne: Mehr Respekt vor Kindern
1. Kinder haben das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung
2. Erzieungs-Vorurteile und Tatsachen
3. Arbeit der Beratungsstellen
4. Erziehungsgrundlagen
5. Telefonberatung, Broschüren, Bücher, Links
6. Die Bilder der Kampagne

Elterliche Abhängigkeit von ihren Kindern und Hilfsmöglichkeiten
 • Wenn Kinder zum Partnerersatz werden

Beispiel Elternschulung: autoritativer Erziehungsstiel
1. Die autoritative Elternschulung und seine Wirksamkeit
2. Das Ziel: der autoritative Erziehungsstiel
3. Vier Schritte zum autoritativen Erziehungsstiel
4. Die wichtigsten Erziehungstipps

 

Kinder haben das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung

 

NIETE, TROTTEL, VERSAGER –WORTE KÖNNEN KINDER SCHLAGEN. In der Kindererziehung ist kein Platz für Demütigung und seelische Verletzung. Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Und davon profitieren Eltern und Kinder gleichermaßen.

„Kinder sind vor jeder Form körperlicher oder geistiger Gewaltanwendung – auch durch die Eltern - zu schützen.” Mit diesen Worten fordert die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen seit mehr als zwanzig Jahren das Recht von Kindern auf körperliche Unversehrtheit ein.

Dennoch kommt es in vielen Familien immer wieder zur Anwendung von Gewalt: Mehr als die Hälfte aller Eltern in Deutschland bestraft ihre Kinder mit Ohrfeigen oder noch schwerwiegenderen Maßnahmen. Rund 1,3 Millionen Kinder werden regelmäßig körperlich misshandelt, wie wissenschaftliche Studien belegen. In dem neuen Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung, das der Bundestag am 6. Juli 2000 verabschiedet hat, wird unmissverständlich festgehalten: Gewalt
ist kein Mittel der Erziehung. Wer seine Kinder schlägt, sie körperlich und seelisch verletzt, verstößt gegen geltendes Recht.

Gesetzliche Regelungen allein führen aber noch nicht zur erforderlichen Bewusstseinsänderung. Deshalb hat das Bundesministerium
für Familie, Senioren, Frauen und Jugend die Kampagne „Mehr Respekt vor Kindern“ initiiert. Dadurch will das Ministerium den gesellschaftlichen Dialog über Erziehungsfragen forcieren. Ziel ist, das Leitbild der gewaltfreien Erziehung in den Köpfen der Menschen zu verankern. „Wir wollen ein klares Signal setzen, dass Gewalt in der Erziehung nichts verloren hat“, begründet Familienministerin Dr. Christine Bergmann ihr Engagement. Dabei geht es nicht darum, Eltern an den Pranger zu stellen. Vielmehr sollen Väter und Mütter durch gezielte Maßnahmen dafür sensibilisiert werden, wie sie ihren Kindern mit Respekt und Fürsorge begegnen können.


Verbände, Bildungs- und Beratungseinrichtungen leisen ebenfalls einen wesentlichen Beitrag zur Kampagne: Sie machen die kritische Auseinandersetzung mit Gewalt zu einem Schwerpunktthema ihrer Aktivitäten. Professionell mit der Erziehung befasste Multiplikatoren werden bei der Umsetzung und Vermittlung des neuen Leitbildes einer von Respekt und Fürsorge für das Kind geprägten Erziehung gezielt unterstützt. Das geschieht durch Informations-, Aus- und Fortbildungsmaterialien sowie durch spezielle Schulungsangebote. Das Angebot reicht von einem deutsch-türkischen Elternbrief über die Entwicklung von Konfliktbewältigungsstrategien bis zu einem eigens ver-fassten Theaterstück zur Gewaltproblematik.

Mit der Kampagne „Mehr Respekt vor Kindern“ soll Gewalt in der Erziehung gesamtgesellschaftlich geächtet werden. Der Blick ins europäische Ausland zeigt, dass dieses Ziel durchaus erreicht werden kann. In Schweden machte eine groß angelegte Informationskampagne das Gesetz zum Verbot jeglicher Körperstrafen in der Erziehung öffentlich bekannt. Dieses führte bei vielen Eltern zur Verhaltensänderung: Die Anwendung von Gewalt gegen Kinder hat in Schweden nach der
Aufklärungskampagne deutlich abgenommen.Diesen Erfolg gilt es für Deutschland zu wiederholen. Schließlich ist der Verzicht auf Gewalt gegen Kinder die Voraussetzung für eine friedliche Gesellschaft. Dieses Bewusstsein zu schaffen ist das Anliegen der Kampagne „Mehr Respekt vor Kindern“. Die alltägliche Gewalt gegen Kinder kommt in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vor. Schläge werden zum „Klaps auf den Po“ heruntergespielt, Ohrfeigen als belanglos abgetan. Die Werbung zur Kampagne „Mehr Respekt vor Kindern“ soll das ändern. Sie will die Öffentlichkeit unmittelbar für das Thema der körperlichen und seelischen Gewalt gegen Kinder sensibilisieren. Auf der Formebene spielen die Motive der Werbung mit der Verborgenheit und Allgegenwart von Gewalt. Die Plakate bilden Kinder ab, die gezeichnet sind von körperlichen Wunden. Erst bei genauerer Betrachtung ist zu erkennen, dass es sich nicht um reale Verletzungen handelt, sondern um Textbotschaften. So wird deutlich: Wer die Folgen von Gewalt verstehen will, muss bewusst hinsehen.Die Inhalte der Textbotschaften vermitteln dem Betrachter ein weiteres zentrales Anliegen der Kampagne. – Jegliche Form von Gewalt hat nachhaltige Folgen für die kindliche Entwicklung: „Worte vergehen, der Schmerz bleibt.“ Die körperliche Wunde verheilt, die Narben auf der Seele bleiben. Ein Leben lang.

 

 

ERZIEHUNGS-VORURTEILE UND TATSACHEN

 

1. EINE OHRFEIGE IST DOCH KEINE GEWALT! EINE OHRFEIGE SCHADET NICHTS!
Ohrfeigen, Klapse auf den Po, unwirsches Gezerre und Geschubse sind eine Niederlage im erzieherischen Handeln. Körperliche Gewalt gegen Kinder resultiert aus einer unheilvollen Mischung von Zuckerbrot und Peitsche. Meist redet man als Mutter oder Vater lange auf das Kind ein, versucht erfolglos, sich Gehör zu verschaffen. Zeigt das Kind keine Einsicht, folgen lautstarke Drohungen („Muss ich erst böse werden?“), schließlich die körperliche Erniedrigung. Konflikte zwischen Eltern und Kindern, die normal und alltäglich sind, lassen sich nur in ruhiger, nicht aufgeheizter Atmosphäre lösen, jedoch keinesfalls in Form eines Gewaltaktes.

2. WER NICHT HÖREN WILL, MUSS FÜHLEN. Kinder wollen Klarheit, wollen wissen, woran sie bei den Eltern sind – aber Kinder provozieren keine Schläge, schon deshalb nicht, weil sie ihren Eltern körperlich unterlegen sind. Mit Gewalt erreicht man nichts. Erst recht wachsen durch körperliche Züchtigung keine Kinder mit aufrechtem Gang heran. Aber nicht die Ohrfeigen und Klapse allein erniedrigen. Kinder leiden auch unter den Folgen seelischer und sprachlicher Gewalt: Man darf sie auch nicht „totreden“ oder mit dem Entzug von Liebe bestrafen: „Wenn du das weiter machst, hat Mama/Papa dich nicht mehr lieb!“

3. MANCHMAL PROVOZIEREN KINDER SO LANGE, BIS SIE EINEN KLAPS BEKOMMEN! Kinder betteln nicht nach Schlägen und Niederlagen, sie sehnen sich nach Zuwendung und Anerkennung, sie möchten von ihren Eltern so angenommen werden, wie sie nun mal sind. Aber Kinder wünschen sich auch Klarheit – Klarheit in der Sprache und im Handeln von Eltern. Kinder wollen Mütter und Väter, die ihnen Halt geben und ihnen Grenzen setzen, weil sie Orientierung brauchen. Sie wollen Eltern, denen sie vertrauen können und die heute nicht anders reden, als sie morgen handeln. Kinder möchten sich auf ihre Eltern verlassen, denn sie benötigen Halt und Zuwendung durch Nähe und Distanz – nicht durch Schläge und sprachliche Abwertung.

4. EINE OHRFEIGE HAT NOCH NIEMANDEM GESCHADET. Hinter Ohrfeigen und Klapsen versteckt sich ein Erziehungsstil, der Kinder nicht respektiert. Deshalb geht es nicht um eine Ohrfeige, den Klaps, die ab und zu gegeben werden oder die Schimpfkanonade, die man mal loslässt. Wenn Kinder körperliche und sprachliche Schläge im Namen des „Guten“ – z. B. der elterlichen Autorität erfahren – lernen sie ein Modell, das sie später im Leben manchmal fortführen. Auch sie wenden dann sprachliche und körperlich Gewalt an, um eigene Interessen durchzusetzen. Geschlagene Kinder können so zu schlagenden Eltern werden.

5. „GEWALTFREI ERZIEHEN“ HEISST, DASS ICH ALLES DURCHGEHEN LASSE. Kinder brauchen Eltern, die Grenzen setzen, Kinder wollen Eltern, die konsequent erziehen. Kinder haben Probleme mit Eltern, die einen grenzenlosen Erziehungsstil praktizieren; Kinder fürchten Eltern, die mit Zuckerbrot und Peitsche handeln. Aber Setzen von Grenzen in der Erziehung kann nur auf der Basis gegenseitiger Achtung und beidseitigen Respekts geschehen.

6. ERZIEHUNGSTHEORIE IST SCHÖN UND GUT, ABER … Erziehen ist ein schwieriges Geschäft, bei dem man häufig scheitert oder nicht mehr weiter weiß. Mehr denn je kommt es darauf an, Eltern nicht wegen jeden Fehlers an den Pranger zu stellen, ihnen mit Besserwisserei zu begegnen. Wichtiger ist, Eltern in ihrer pädaogischen Unvollkommenheit anzunehmen, ihnen mit Verständnis zu begegnen. Nur Eltern, die sich verstanden und angenommen fühlen, sind bereit, an der Überwindung von Fehlern zu arbeiten, sich pädagogische Niederlagen einzugestehen. Ein Erziehungsperfektionismus lässt die Beziehung zum Kind erkalten, führt schnell zu Versagensgefühlen der Eltern („Warum ist es bei mir nur so?“). Eltern brauchen Begleitung, Unterstützung. Klapse und Ohrfeigen kommen im Alltag vor, sie entstehen in Stresssituationen oder sind Ausdruck brüchiger Eltern-Kind-Beziehungen. Wer sich als Mutter oder Vater dazu hinreißen lässt, sollte sich beim Kind entschuldigen und gemeinsam mit dem Kind darüber nachdenken, wie diese Erziehungsfehler zukünftig zu vermeiden ist.

7. WER EINE BERATUNGSSTELLE AUFSUCHT, HAT IN DER ERZIEHUNG VERSAGT. Eltern brauchen Begleitung bei ihrer verantwortungsvollen Aufgabe, Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern und zu unterstützen. Eltern brauchen Bestätigung und Ermutigung, nicht ständige Kritik und Bevormunderei, schon gar nicht den drohenden Zei-gefinger. Und schließlich: Man muss nicht so lange warten, bis ein Kind in den Brunnen gefallen ist. Wichtiger ist, Eltern dann zu unterstützen, wenn das Kind auf dem Brunnenrand turnt. Eltern, die sich Hilfe in einer Beratungsstelle holen, haben nicht versagt. Manche Eltern wissen einfach nicht mehr weiter. Und sie holen sich in ihrer Ratlosigkeit Unterstützung, sind bereit, aus gemachten Fehlern persönliche Konsequenzen zu ziehen. Wieder andere Eltern wollen in ihrem pädagogischen Handeln souveräner werden. Nötiger denn je ist eine professionelle Begleitung von Eltern, die sie unterstützt und ermutigt. Dazu bedarf es eines Netzwerkes, um viele Eltern zu erreichen. Einfache Merksätze können bei der Erziehung durchaus nützlich sein. Doch Mütter und Väter sollten sie nicht ungeprüft übernehmen, nur weil sie ständig wiederholt werden.

 

 

 

Arbeit der Beratungsstellen

 

Frau F. im sportlichen Kostüm und Herr F. im Leinenanzug hätten an diesem Morgen in jedem der netten Straßencafés der Einkaufszone vor der Tür eine gute Figur gemacht. Doch ihre Gesichter vertreiben jeden Gedanken an einen entspannten Milch-kaffee. In ihnen liest man die charakteristische Mischung aus Aufgedrehtheit und Erschöpfung, die Menschen nach schlaflosen Nächten verbreiten. Kein Wunder, denn in der letzten Nacht haben sie sich wieder dabei abgewechselt, ihren 3-jährigen Sohn mit Spielen und Geschichten bei Laune zu halten. Wenn sie sich auch nur für ein paar Minuten übermüdet zurückzogen, ertönte aus dem Kinderzimmer lautes Gebrüll.

Für Ruth Perlitz (53), Diplom-Psychologin und Leiterin der „Beratungsstelle für Eltern, Jugendliche und Kinder“ in Bergisch Gladbach bei Köln, ist es das erste ihrer durchschnittlich fünf Beratungsgespräche an diesem Tag. Sie kennt viele solcher Geschichten und dennoch sind sie immer wieder neu. „Auch wenn sich die Situationen oft gleichen, ist doch jede Beziehung zwischen Eltern und Kind ganz einzigartig. Und deshalb besteht unsere Arbeit darin, die Besonderheit zu verstehen und daraus Lösungen zu entwickeln.“ All die Einzelberatungen und speziellen Gruppentherapien, die hier angeboten werden, sind kostenlos. Und sie sind immer vertraulich. Andere Stellen werden nur kontaktiert, wenn die Eltern dazu ihre Erlaubnis gegeben haben. Für die meisten Mütter und Väter besteht die erste große Überraschung darin, dass sie hier niemals Vorwürfe zu hören bekommen. Selbst bei Eltern, denen „die Hand ausgerutscht ist“, suchen die Beraterinnen und Berater zunächst nach Gründen und dann – vor allem – nach gewaltfreien Mitteln der Konfliktlösung. Die Ursache für das vermeintlich „letzte Mittel“ liegt ja meist nicht im bösen Willen, sondern in der Überforderung der Eltern.

Die Bereitschaft, sich sachkundigen Rat zu holen, ist für Bernhard Wollmann (48), Psychologe und Psychotherapeut, schon der entscheidende Schritt: „Mütter und Väter, die sich an uns wenden, beweisen damit ja, dass sie nach anderen, gewaltfreien Wegen suchen.“ Ruth Perlitz und ihre Kolleginnen und Kollegen stellen eigentlich nur eine einzige Bedingung: Offenheit. „Kinder und ihre Probleme sind eben keine Schuhe, die man bei uns abgibt und nach ein paar Tagen repariert wieder abholt. Eltern müssen bereit sein, die Familie mit anderen Augen zu sehen und dann im Erziehungsalltag etwas Neues zu wagen.“ Sowie das über-nächtigte Ehepaar F., das die Beratungsstelle mit dem Wissen verlässt, dass ihr Sohn gerade die Grenzen der Eltern auslotet. Und dass es ihre Aufgabe ist, solche Grenzen zu setzen, indem sie das Kind rechtzeitig zu Bett bringen, es dann ruhig einmal lärmen lassen und nachts nicht mit ihm spielen.

Bernhard Wollmann sitzt währenddessen mit Frau L. und ihrer 13-jährigen Tochter Silke zusammen. Beide sind schon zum dritten Mal hier und versuchen unter behutsamer Anleitung „ihres“ Beraters ein neues Vertrauensverhältnis zueinander aufzubauen. Dass sie überhaupt wieder miteinander reden, ist schon ein enormer Fortschritt, denn Silke hatte sich ganz in sich zurückgezogen, weil sie die Mutter für die Scheidung vom geliebten Vater verantwortlich machte. Im Sekretariat ist unterdessen eine telefonische Mitteilung vom Kollegen und Diplom-Psychologen Thomas Lindner (48) eingegangen. Denn sein Termin mit dem Klassenlehrer des 10-jährigen Fabian dauert länger als erwartet. Die Eltern haben Thomas Lindner die Genehmigung zu dieser „Recherche“ gegeben, weil sie nicht mehr ein noch aus wissen, seit sich der Junge nach dem Übergang zur Realschule so aggressiv verhält.

Im Laufe der Jahre haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Beratungszentrums so die meisten Kindergärten und Schulen der Umgebung kennen gelernt, denn manchmal äußern sich zu Hause Probleme, die anderswo ihre Ursache haben. Die Mittagspause ist die einzige Zeit des Tages, in der das 10-köpfige Team zur Ruhe kommt. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, wo Termine abgestimmt und Erfahrungen, z. B. der abendlichen „Trennungsgruppe“, ausgetauscht werden. Und schon beginnen Türklingel und Telefon gleichzeitig zu läuten, um für den Rest des Nachmittags nicht mehr zu verstummen: Die Mädchen und Jungen der Kindertherapie nehmen das Spielzimmer unter Beschlag. Ganze Familien lassen sich in den Gruppenzimmern nieder, um im Gespräch oder in kleinen Rollenspielen ein neues Miteinander zu erproben. Und immer wieder finden Einzelberatungen statt, in denen z. B. kleinere Kinder mit Handpuppen ihre Sicht der Familienprobleme darstellen. Wenn ein „normaler“ Arbeitstag zu Ende geht, haben 50 Menschen die Beratungsstelle aufgesucht. Einem Viertel der Eltern genügte schon eine ein- bis anderthalbstündige Beratung, um auf meist eine spezielle Erziehungsfrage eine befriedigende Antwort zu erhalten. Die Mehrzahl der Mütter und Väter werden sich jedoch über ein halbes Jahr oder länger immer wieder einfinden, um ihr Problem in den Griff zu kriegen. Kein Wunder, dass sich so ein Vertrauensverhältnis aufbaut, das die eigentliche Beratungszeit überdauert. Manche Mutter greift da schon einmal spontan zum Telefon, um sich Tipps für die Kommunionsfeier zu erbitten oder das TV-Kinderprogramm zu kritisieren. Rund 1.000 Familien hilft die Bergisch Gladbacher Beratungsstelle im Jahr und die Zahl der Ratsuchenden wächst ständig. Deshalb verstärkt seit einiger Zeit Diplom-Pädagogin Ute Faßbender (35) das Team, und sie hat schnell das Erfolgsrezept der „alten Hasen“ verstanden: „Die Eltern spüren, dass wir für sie da sind. Wir zwingen ihnen nichts auf, sondern wir bringen sie auf ihren ganz eigenen Weg zu einem funktionierenden Miteinander von Kindern und Eltern.“

 

Erziehungsgrundlagen

 

MERKZETTEL FÜR EINE ECHTE PARTNERSCHAFT ZWISCHEN ELTERN UND KINDERN

1. KINDER BRAUCHEN HALT UND ORIENTIERUNG –
VERMITTELT DURCH VERLÄSSLICHE EZUGSPERSONEN UND PERSÖNLICHKEITEN.
Auf dieser Grundlage können sie Krisen und unglückliche Momente, die das Leben bereithält, meistern und sie wissen, wer ihnen in kritischen Situationen Beistand leisten kann.


2. KINDER BRAUCHEN SELBSTWERTGEFÜHL UND SELBSTVERTRAUEN. Dies entwickeln Eltern dadurch, dass sie die Stärken des Kindes fördern, nicht ständig auf seine Schwächen und deren Überwindung abheben. Starke Kinder können auch mit ihren Schwächen leben.


3. KINDER BRAUCHEN ELTERN, DIE IHNEN ZEIT LASSEN, SICH ZU ENTWICKELN. Kinder entwickeln sich in einem ganz eigenen Tempo, das sehr viel mit ihrem Temperament zu tun hat. Das schließt aus, Kinder ständig miteinander zu vergleichen. Kinder brauchen Eltern, die sie so annehmen, wie sie sind – nicht wie Eltern sie
gern haben möchten. Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen, und nicht Eigentum der Eltern. Kinder sind autonome und eigenständige Persönlichkeiten.


4. KINDER MÖGEN ELTERN, DIE ZU IHRER EIGENEN UNVOLLKOMMENHEIT STEHEN. Kinder haben Probleme mit perfekten Eltern, die alles und jederzeit richtig machen wollen. Erziehung hat mit Beziehung zu tun. Eltern können nur erziehen, wenn sie in einer Beziehung zum Kind stehen. Und diese Beziehung ist umso tragfähiger, je mehr sie von Humor, Witz, Überraschung, Lachen, Leichtigkeit, Klarheit, Verlässlichkeit und gegenseitigem Respekt gekennzeichnet ist.


5. KINDER BRAUCHEN ELTERN, DIE NICHT NUR IN DER ELTERNROLLE AUFGEHEN. Kinder mögen Eltern, die daneben noch eine Partnerschaft von Mann und Frau leben. Wenn Eltern auch auf sich schauen, für sich sorgen, haben sie nicht ständig die Kinder im Blick. Kinder haben Probleme damit, wenn sie ständig im elterlichen
Mittelpunkt stehen. Kinder wollen nicht immer beobachtet und durchschaut sein. Kinder werden nicht nur von Eltern erzogen.
Kinder mögen auch ihre Großeltern, Verwandte, Nachbarn, Freunde – und Kinder erziehen sich untereinander.


6. ZWISCHEN ELTERN UND KINDERN BESTEHT EINE ERZIEHUNGSPARTNERSCHAFT. Eltern sind ein bis zwei Generationen älter, sie haben Erfahrungsvorsprünge, die den Kindern Halt und Geleit geben.Erfahrungsvorsprünge sind aus der Sicht von Kindern nur dann problematisch, wenn sie als Besserwisserei und Bevormundung verstanden werden, wenn sie kindliche Erfahrungsräume beschneiden. Erfahrungsvorsprünge werden von Kindern darauf überprüft, was sie für ihren Weg in die Zukunft übernehmen, was sie aber auch zurücklassen können. Aber zur Erziehungs-partnerschaft gehört auch, von Kindern zu lernen. Eltern sind nicht nur Lehrmeister, sie sind auch Lehrlinge, die von Kindern lernen können – von ihrer Intuition, ihrer Spontaneität und ihrer Fähigkeit für sich zu sorgen. Man kann Kindern das Leben zutrauen und darüber hinaus von ihnen abschauen, wie man mit einer Portion Unvollkommenheit das Leben meistert.

 

 

Telefonberatung, Broschüren, Bücher, Links

 

 

TELEFONISCHE BERATUNG

In Erziehungsfragen beraten Erziehungs-, Ehe- und Familien-beratungsstellen der Städte und Gemeinden, Kirchen und Verbände, die familienorientierte Hilfe leisten (Wohlfahrts-verbände: Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband, Arbeiter-wohlfahrt, Caritas, Diakonisches Werk, Deutsches Rotes Kreuz).

Kinder- und Jugendtelefon
Telefon kostenfrei; bundesweite Sondernummer:
0800 / 1110333 (Auskunftszeiten: Mo bis Fr 15.00 bis 19.00 Uhr)

Kindernetzwerk e.V.
06021 / 12030 (Auskunftszeiten: Mo, Di, Do 9.00 bis 12.00 Uhr)
Informationen zu über 300 Krankheiten und Behinderungen von Kindern; Vermittlung von Kontaktadressen zur weiteren Information

ELTERNBRIEFE

Die Elternbriefe des Arbeitskreises Neue Erziehung e.V., Berlin
sind eine Art Entwicklungstagebuch, sie werden von der Geburt
des Kindes bis zu seinem 8. Lebensjahr verschickt. In insgesamt 46 Elternbriefen können Eltern (fast) alles über Kindererziehung erfahren. Die Briefe tragen zu einem besseren Verständnis des Kindes bei, sie weisen frühzeitig auf Krisen hin und zeigen den Weg zu deren Bewältigung auf. Sie unterstützen Eltern und helfen, Erziehungsproblemen vorzubeugen. Die türkisch-deutschen Elternbriefe unterstützen Eltern türkischer Herkunft bei ihrem Leben in zwei Kulturen. Sie erhalten die Briefe bundesweit bei Ihrem Jugendamt oder beim Arbeitskreis Neue Erziehung e.V., Boppstr. 10, 10967 Berlin, Tel.: 0 30/25 90 06-35.
Ergänzend zu den Elternbriefen entwickelte der Arbeitskreis
Neue Erziehung e.V. bisher drei Sonderelternbriefe:

  • „Gewalt ist keine Lösung! – Was können Kinder und Eltern tun?“ Zur Gewaltprävention in Familie, Schule und Gesellschaft
  • „Kinder stark machen – sexuellem Missbrauch vorbeugen“
  • Verantwortlich für Kinder sorgen – Informationen zum neuen Kindschaftsrecht
  • Im Jahre 2001 wird es einen neuen Sonderbrief
    mit dem Schwerpunkt gewaltfreie Erziehung geben.

Sie erhalten die Sonderelternbriefe beim Arbeitskreis
Neue Erziehung e.V., Boppstr. 10, 10967 Berlin,
Tel.: 0 30/25 90 06-35.


BROSCHÜREN

Viele Verbände und Einrichtungen geben eigene Zeitschriften und Informationshefte heraus, die Eltern eine Fülle praktischer Ratschläge zur Erziehung geben.

HIER EINE AUSWAHL:

  • „Beratung hilft besser leben“ – Broschüre über Beratungs-angebote,
    Hrsg. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Jugend
    und Eheberatung e.V. (zu beziehen über das Ministerium für
    Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Broschürenstelle,
    53107 Bonn, Tel.: 02 28/930-2106 oder -2152)
  • „Eltern bleiben Eltern – Hilfen für Kinder bei Trennung
    und Scheidung“, Hrsg. Deutsche Arbeitsgemeinschaft für
    Jugend- und Eheberatung e.V. (zu beziehen über das
    Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und
    Jugend, s.o.)
  • „Frühe Kindheit“ – Zeitschrift der Deutschen Liga für das
    Kind (im Abo oder Einzelverkauf erhältlich, zu beziehen
    über Deutsche Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft
    e.V., Chausseestr. 17, 10115 Berlin, Tel.: 0 30/28 59 99 70)
  • „Kinderschutz aktuell“ – Die Zeitschrift des Deutschen
    Kinderschutzbundes (Abo, zu beziehen über Deutscher
    Kinderschutzbund, Schiffgraben 29, 30159 Hannover,
    Tel.: 05 11/30 48 50)
  • „(Sexuelle) Gewalt gegen Kinder und Jugendliche – Wer hilft
    weiter?“ – Ein bundesweiter Wegweiser (zu beziehen über
    das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und
    Jugend, s.o.)
  • „Die Rechte der Kinder von logo einfach erklärt“ – Hrsg.
    vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und
    Jugend, s.o.
  • „Übereinkommen über die Rechte des Kindes – UN Kinder-konvention
    in Wortlaut mit Materialien“ – zu beziehen über
    Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und
    Jugend, s.o.
  • Kinder- und Jugendhilfegesetz – Hrsg. vom Bundesminis-terium
    für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, s.o.
  • Das neue Kindschaftsrecht – Hrsg. vom Bundesministerium
    für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (s.o.) und dem
    Bundesministerium der Justiz


BÜCHER

Beinahe jede Buchhandlung hält mehrere Erziehungsratgeber bereit, größere Geschäfte verfügen sogar manchmal über eine eigene Abteilung, in der Eltern eine breite Auswahl zu den unterschiedlichsten Fragen vorfinden.

Zeitschriften

Zeitschriften für Eltern – Alle Zeitschriftengeschäfte und Kioske haben regelmäßig erscheinende Magazine für Eltern im Sortiment.

INFOS IM INTERNET
www.dajeb.de – hier findet sich u. a. eine Datenbank aller Be-ratungsstellen, nach Postleitzahlen und Themenbereichen geordnet, in der Eltern schnell die für sie bestgeeignete und nächstgelegene Einrichtung finden. Sie können den DAJEB-Beratungsführer auch über die Homepage des BMFSFJ erreichen. Homepages der zentralen Beratungsträger sind zu erreichen über www.bmfsfj.de.

www.dggkv.de - Deutsche Gesellschaft gegen Kindesmisshandlung und Vernachlässigung

www.dksb.de - Deutscher Kinderschutzbund

www.kinderundjugendtelefon.de

www.kinderschutz-zentrum.org

www.ane.de

www.bke.de

www.familienbildung.de

www.familienbildung-ev-bag.de

www.aksb.de/familie-und-gewalt

[Anmerkung des SP-Kompendiums: unsere Links zum Thema finden sich hier]

 

 

 

Wenn Kinder zum Partnerersatz werden

 

Elterliche Abhängigkeit von ihren Kindern und Hilfsmöglichkeiten

Kinder sind für ihre Eltern neben dem Partner die nahestehendsten Menschen. Aus dieser für die Kinder förderlichen und positiven Rolle, einer Grundbedingung für eine glückliche Kindheit, erwachsen dann Gefahren, wenn die Mutter oder der Vater meist unbewußt und
ungewollt eine Abhängigkeit als Ersatzpartner fördern. Die Gründe und Möglichkeiten sind vielfältig und sollen im Folgenden beispielhaft beleuchtet werden. Es sollen auch Lösungen zur Vorbeugung und Veränderung dieser problematischen Beziehungen aufgezeigt werden.

In folgenden beispielhaften Beziehungen kann es zu problematischen Bündnissen zwischen Eltern (Vater oder Mutter) und Kindern (Sohn oder Tochter) kommen.

  • In auseinandergelebten Beziehungen zwischen der Mutter und dem Sohn als Ersatz für den häufig abwesenden oder fremdgehenden Ehemann.
  • In der gleichen Konstellation zwischen der Mutter und der Tochter als "guter Freundin", mit der die Beziehungsprobleme besprochen werden.
  • Zwischen Vater und Sohn oder Tochter als Bündnispartner gegen die Ehefrau und Mutter, mit der sich der Ehemann auseinandergelebt hat oder mit der er einen Konflikt auszutragen hat.
  • Mit dem Sohn kann der Vater all seine Sorgen besprechen, für die seine Ehefrau keine Zeit oder keine Lust hat.
  • Die Tochter bringt dem Vater unverfälscht all die körperliche Nähe und den Körperkontakt (Kuscheln, Schmusen) entgegen, was er bei seiner Partnerin vermißt.
  • Die Mutter erfährt durch die Zuwendung der Tochter all die Bestätigung, die ihr in ihrem Alltagsleben fehlt, nimmt diese Zuwendung gierig und dankbar auf und erwartet von der Tochter immer mehr davon.

Wodurch sind solche problematischen Bündnisse möglich und was leistet ihnen Vorschub:

  • Entsprechende Defizite im Austausch zwischen den Erwachsenen.
  • Dazu gehören insbesondere mangelnde Anerkennung und Bestätigung durch Erwachsene.
  • Wenn die Eltern keine deutlichen Grenzen zwischen den Generationen setzen.
  • Eltern, die ihre Elternrolle als Erziehende nicht wahrhaben wollen und sich zu sehr auf eine falsch verstandene Gleichberechtigung zu ihren Kindern berufen und hinorientieren.
  • Väter und Mütter, die eine negative eigene Kindheit erlebt haben und nun zu sehr das andere Extrem praktizieren: "Meine Kinder sollen bessere Eltern haben...."
  • Eltern verkennen die Angebote ihrer Kinder in bezug auf Nähe, Vertrauen, Zuneigung auf Grund deren (positiv) abhängiger Position als Angebot für gleichberechtigte Partnerschaft.
  • Vater oder Mutter stecken in einer tiefen Krise, haben keinen Freund/Freundin/Partner als angemessenen Gesprächspartner, das Kind bietet sich aber in seiner natürlichen Art als Tröster an. Gerade wenn ein Kind seine Mutter leiden sieht, will es gerne eine Stütze sein.

Hier liegt eine große Gefahr, das Kind in dieser Krise als Unterstützung anzunehmen und es als Ersatz für den Partner fungieren zu lassen.

  • Alleinerziehende Eltern können in problematischen Fällen durch ihre eventuelle soziale Isolation die Distanz zu ihrem Kind verwischen und keine Grenzen mehr erkennen, was in der Beziehung zu ihrem Kind sinnvoll ist.
  • Kinder sind sehr empfänglich für große Nähe, Vertrauensbeweise und fühlen sich aufgewertet.
  • Kinder können keinesfalls die notwendigen Grenzen erkennen und sich distanzieren. Hätten dabei auch Angst vor Verlust der ganzen Liebe, wenn sie den von dem Elternteil indirekt geforderten Erwartungen nicht gerecht werden.
  • Kinder, die den Partner ersetzen, können meist mit zusätzlichen Vergünstigungen rechnen: Kinobesuche, schöne Kleidung, lange aufbleiben für die Kontakte, fernsehen, Geschenke, und alles weitere, was ihnen in der Partnerrolle ermöglicht wird.

Welche Folgen hat die Rolle des Ersatzpartners für das Kind:

  • Das Kind kann einen wichtigen Teil seines Kindseins und Kindseindürfens nicht leben und erleben.
  • Kinder sind völlig überlastet durch die erwartete Übernahme von Verantwortung für das Wohlergehen des Vaters oder der Mutter.
  • Das Kind gerät in Loyalitätskonfikte, weil es sich ggf. für einen der Elternteile entscheiden muß.
  • Als Geheimnisträger wird das Kind seelisch überfordert, weil es selbst meist niemanden hat, bei dem es seine Probleme loswerden kann.
  • Oft hat das Kind selbst keine Zeit für die altersgemäßen Sozialkontakte und andere wichtige und kindgerechte Beschäftigungen.
  • Das Kind findet oft nur schwer Zugang zu Gleichaltrigen oder wird von ihnen als altklug abgelehnt, da es in seiner Gedanken- und Erlebenswelt sehr erwachsenenorientiert ist.
  • Folgen können sein: Schlechte Schulleistungen, Kontaktprobleme und Isolation, psychosomatische Reaktionen wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Eßstörungen, Verdauungsbeschwerden usw. Bestimmte körperliche Beschwerden können dem Kind oft als
    Schutz vor Überforderung oder zur Abgrenzung dienen (nur dann kann es für sich sein).

Lösungen

  • Die wichtigste Vorbeugung ist, daß Eltern sich gerade in Krisenzeiten und nach Trennungssituationen der Gefahr bewußt sind, ihr Kind in der Beziehung zu ihnen zu überfordern.
  • Es sollte niemals darauf vertraut werden, daß Kinder ihre Grenzen und Möglichkeiten selbst kennen und für sich selbst sorgen können. Die Verantwortung für die Verwischung dieser natürlichen Rollen und der mißbräuchlichen Benutzung der Kinder liegt - bei allem
    Verständnis für die Probleme der Eltern - immer bei dem jeweiligen Elternteil.
  • Eltern brauchen sich nicht zu überfordern, dem Kind alles recht zu machen. Gerade nach einer Trennung müssen Aufgaben neu verteilt, Zuständigkeiten neu bestimmt werden. Dies gilt auch für den Gefühlsbereich. Eltern können darauf achten, daß das Kind möglichst viel von seinen ursprünglichen Gegebenheiten behält und auch weiterhin Kind sein kann und möglichst wenig der Aufgaben übernehmen muß, die der nicht mehr anwesende Partner
    innehatte.
  • Wenn ein Elternteil sich immer mehr der Gedankenwelt und dem Erleben des Kindes unterordnet, nur dessen Meinung als die Richtige ansieht, besteht große Gefahr, das Kind zum Partnerersatz zu machen. Dann sollte Hilfe gesucht werden (Freundin, Freund, Beratungsstelle s.u. usw.)
  • Es ist o.k., wenn ein Elternteil ein enges Verhältnis zu seinem Sohn oder seiner Tochter hat und über vieles reden kann, auch über Ängste. Schwierigkeiten für diese Beziehung oder das Wohl des Kindes sind zu erwarten, wenn der Elternteil das Kind zum Vertrauten und Berater macht und keine anderen Gesprächspartner zur Lösung seiner Probleme zur Verfügung hat und wenn es kaum mehr auf die Belange des Kindes und das Anhören von dessen Sorgen ankommt.
  • Eltern sollten sich andererseits nicht abhängig machen von den Wünschen des Kindes. Sport, Abendkurse, Treffen mit Freunden, Einladungen und auch ein neues Verlieben nach Trennung und Verlassensein müssen weiterhin möglich sein, wenngleich vielleicht mehr Aufmerksamkeit auf das Wohl der Kinder gerichtet wird.
  • Elternteile sollten sich in Krisenzeiten, in Zeiten hoher Belastung, in Trennungsphasen und bei massiven Partnerschaftsproblemen Unterstützung im Freundeskreis oder professionelle Hilfe suchen, um das Kind möglichst nicht unnnötig in die Konflikte und deren Bewältigung hineinzuziehen.
  • Kinder brauchen prinzipiell beide Eltern. Ein Elternteil vor dem Kind schlecht zu machen, belastet das Kind innerlich immens und bringt es in starke Spannungssituationen. Auch in Phasen schwierigster Partnerschwierigkeiten, sollte
    •vor dem Kind der andere nicht schlecht gemacht werden,
    •das Kind nicht als Druckmittel "benutzt" werden,
    •sich jeder Elternteil dem Kind als Gesprächspartner für dessen Probleme anbieten.

KONTAKTE - HILFEN - LITERATUR
Sollte Selbsthilfe in der Familie nicht möglich sein, bieten die Beratungsstellen für Kinder, Eltern und Familien Beratung und psychotherapeutische Hilfe an. Adressen von Beratungsstellen, die von den Städten und Gemeinden und den Kirchen getragen werden,
erhalten Sie aus den Telefonbüchern oder von den Jugendämtern. Diese Hilfe bezieht sich auf den Abbau von Belastungen und Spannungen in der Familie, dem sozialen Umfeld und der Schule, auf den Abbau der kindlichen Ängste und Aggressionen und auf die Veränderung der
Bindungen, z.B. Loslassen können.

Auch Psychologinnen und Psychologen bieten Beratung und psychotherapeutische Unterstützung an. Die Kosten für Psychotherapie zahlt in der Regel die Krankenkasse. Adressen über die Gelben Seiten der Telefonbücher, durch die Krankenkasse oder für Verhaltenstherapie über die "Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie", Postfach 1343,
72003 Tübingen, Tel. 07071-943494, Fax 07071-943435.
Literatur:

Gerhard Leinhofer: Glückliche Kinder trotz Trennung der Eltern. MVG-Verlag Taschenbuch Nr. 425 1990 12,80
Wenn die Liebe zerbricht. Wie Sie es schaffen, Ihre Trennung positiv zu bewältigen. MVGVerlag
Taschenbuch Nr. 511 1995 14,90 DM

Quelle: WDR sendung vom 22.06.98: "VORNAME GENÜGT"
Beratung und Autor: Dr. Steffen Fliegel

 

Die autoritative Elternschulung und seine Wirksamkeit

 

Im Folgenden wird die Elternschulung "Triple P" betrachtet, dessen Ziel ein autoritativer Erziehungsstiel ist. Die Abkürzung steht für "Positive Parenting Program".

Ist Triple P nur die jüngste von immer neuen Moden auf dem Erziehungsmarkt? Nur ein weiteres flott formuliertes pädagogisches Konzept, das in ein paar Jahren vom nächsten Trend abgelöst und bald darauf vergessen sein wird? Nicht zu erwarten. Denn was so trügerisch einfach daher kommt, beruht nicht auf den Eingebungen eines selbst ernannten Therapeuten oder Erziehungsberaters, sondern ist einer der wenigen Elternkurse, deren Erfolg wissenschaftlich belegt ist. Dass Triple P anders ist, lässt sich etwa daran erkennen, dass die Trainerin einen Teil der Sitzung per Videokamera aufzeichnet; die Bänder werden später von Wissenschaftlern ausgewertet. Auch müssen sich Kursleiter alle zwei Jahre neu lizenzieren lassen, um das Unterrichtsniveau zu garantieren. Und: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert derzeit eine Wirksamkeitsstudie, weil sie das Training für sehr Erfolg versprechend hält.

Die "Prinzipien des Positive Parenting Program sind so einfach, dass sie jeder Fünfjährige verstehen kann", sagt Professor Kurt Hahlweg von der TU Braunschweig, der deutsche Initiator des Programms. Was beabsichtigt ist: Schließlich sind Kinder auch die Zielgruppe der Eltern.

Elternschulungen wie Triple-P beruhen überwiegend auf einem verhaltenstherapeutischen Ansatz. Sie suchen nicht - wie die so genannten kognitiven Therapien - die Persönlichkeit der Eltern und Kinder zu ergründen, und sie unternehmen auch keine langwierigen Gesprächstherapien. Sie gehen davon aus, dass Eltern sich meist ungewollt falsches Verhalten angewöhnt haben: einen ineffektiven Umgang mit ihren Kindern, den es zu korrigieren gilt.

Rund 70 Prozent der Eltern verändern nach einem guten Training dauerhaft ihr Verhalten. Forscher halten die Wirksamkeit von Elternausbildung für inzwischen so hinreichend belegt, dass sie vorschlagen, in Zukunft solche Kurse bereits an Schulen anzubieten, spätestens aber werdenden Eltern während der Schwangerschaft. Das könnte langfristig Verhaltensstörungen, Kriminalität und Schulproblemen vorbeugen.

Volles elterliches Engagement wirkt im besten Falle wie ein Schutzschild gegen Risiken aller Art, nicht nur gegen genetische Armut, heruntergekommene Nachbarschaft, psychische Probleme, Ehestress, Arbeitslosigkeit, schlechten Einfluss von Gleichaltrigen - solche Risikofaktoren können die Kindesentwicklung nachhaltig beeinträchtigen, aber sie werden durch elterliche Erziehung abgemildert oder verstärkt.

Für eine "Oregon-Scheidungsstudie" wurden 238 Mütter rekrutiert. Sie stammten aus allen Schichten und Altersklassen und hatten nur dreierlei gemein: Sie waren seit kurzem geschieden, lebten ohne Partner und hatten mindestens einen Sohn zwischen sechs und zehn Jahren. Es handelte sich um verzweifelte Frauen, von denen viele in erdrückender Armut lebten. Die meisten hatten über den Trennungszwist die Erziehung vernachlässigt, etliche Jungen zeigten bereits Verhaltensauffälligkeiten: Sie gehorchten selten und schlugen sich häufig.

Die Ergebnisse einer Studie lassen keinen Zweifel: Den Söhnen der trainierten Mütter ging es in allen Belangen besser. Im Vergleich zu den Kindern der Kontrollgruppe waren sie weit weniger aggressiv, verübten weniger Straftaten, waren seltener depressiv, trieben sich seltener mit anderen Problemkindern herum, gehorchten eher, sogar ihre Lesefähigkeit hatte sich verbessert. Auch die Lehrer bewerteten diese Kinder als positiv verändert - was bemerkenswert war, weil die Lehrer nicht wussten, wessen Mütter trainiert worden waren.

Auch die Frauen hatten von dem kurzen Training profitiert. Sie litten seltener unter Depressionen, ihr Jahreseinkommen lag nun - ein verblüffendes Ergebnis - im Schnitt um 2000 Dollar höher als das der untrainierten Mütter, und sie hatten ihre neuen Partner viel seltener gewechselt, hatten also entscheidende Risiko-faktoren ihres Lebens reduziert. Nicht nur traten sie ihren Söhnen gegenüber entschiedener auf, sie gewannen allgemein an Lebenskompetenz.

Die untrainierten Mütter und deren Söhne waren dagegen aggressiver, depressiver, sie stritten sich noch häufiger, und die Kinder gehorchten noch widerwilliger als zu Beginn der Studie. Sie steckten in der typischen Abwärtsspirale dysfunktionaler Familien.

Ein ähnliches Bild zeigte eine französische Studie am Beispiel der - ebenfalls hochgradig vererblichen - Intelligenz. In der Kindheit missbrauchte und vernachlässigte Adoptivkinder konnten in harmonischen, wohlhabenden Familien ihren IQ um 19 Punkte steigern - weit mehr als Adoptivkinder in dysfuntionalen Familien. Erziehungstraining für Eltern kann das Leben der Kinder entscheidend verbessern.

 

Ziel: "Autoritativer" Erziehungsstiel

 

Der Hauptfehler der Erziehung: Statt erwünschtes Kinderverhalten zu fördern, bemühen sie sich, unerwünschtes auszutreiben - durch Drohungen, durch Schimpfen, Schreien, Schlagen. Das kann nicht funktionieren, weil Kinder, weil Menschen so nicht lernen. Familien verstricken sich dabei in Zwangsverhalten: Ihre Mitglieder versuchen einander nicht durch Belohung und Aufmerksamkeit zu beeinflussen, sondern durch Bestrafung und Demütigung. Kinder werden so regelrecht auf Aggression trainiert.

Die hohe Kunst der Nichtverstärkung: Effektive Erziehung ist der richtige Umgang mit Verhaltensverstärkungen. Wer von Kindern ein bestimmtes Benehmen erwartet, muss es positiv bekräftigen durch Lob, Belohnungen, Aufmerksamkeit. Und unerwünschtes Betragen sollte so wenig wie möglich verstärkt werden - das ist der schwierige Part. Die üblichen elterlichen Sanktionen wie Drohen und Schimpfen sind riskant, weil auch sie bestärken und allzu leicht in den Zwang führen. Die hohe Kunst der Nicht-Verstärkung erfordert besondere Techniken wie "absichtliches Ignorieren" oder "Stiller Stuhl", die im Elterntraining gelehrt werden.

"Autoritativer" Erziehungsstiel: Eltern "prosozialer" Kinder unterscheiden sich von anderen nicht dadurch, dass sie liebevoller oder strenger oder motivierender sind. Sie erziehen anders, weil sie all dies gleichzeitig sind: zugeneigter und strikter und fördernder. Sie wirken als Maximalisten, sie machen weniger Kompromisse und verstehen es, die drei entscheidenden Dimensionen der Erziehung miteinander zu vereinen: Sie schenken viel Liebe; sie setzen klare Regeln und bestehen konsequent auf deren Einhaltung; und sie fördern die Persönlichkeit, die Kreativität ihres Kindes.

Der Stil umfasst ein ganzes Bündel von Tugenden. Zu ihnen zählen: Warmherzigkeit, Aufmerksamkeit, Gespür für den jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes, aber auch so praktische Dinge wie monitoring - also das Wissen darum, was ein Kind anstellt, wenn es nicht zu Hause ist, wie seine Freunde heißen, wo es nach der Schule spielt. Das ist keineswegs selbstverständlich, manche Eltern nehmen kaum Anteil am außerfamiliären Leben ihrer Kinder.

Autoritative Mütter und Väter sind keine Übereltern. Sie reden viel und ermuntern zum Reden. Sie unterscheiden streng zwischen Verhalten und Persönlichkeit, nie beantworten sie schlechtes Benehmen mit Angriffen auf die Person: "Du Trottel, du Versager" gehört nicht in ihren Wortschatz. Zugleich verlangen sie von ihren Kindern ein hohes Maß an Kooperation und angemessenen sozialen Umgangsformen. Es ist offenbar diese Mischung aus Anspruch und Anteilnahme, die autoritativ erzogene Kinder lebenstüchtiger macht. Sie verfügen meist über größeres Selbstbewusstsein, sind seltener depressiv, ängstlich oder aggressiv, sie absolvieren die Schule meist ohne Probleme und konsumieren weniger Drogen.

 

Vier Schritte zum autoritativen Erziehungsstiel

 

Der erste Schritt jeder Erziehungs-Veränderung lautet: beobachten und zählen. Ganz konkret: Was tut mein Kind tatsächlich, welches (un)erwünschte Verhalten legt es an den Tag - und wie oft? Gerade in Familien bleibt vieles schwammig: "Irgendwie ärgert die mich nur, irgendwie streitet der immer."

Beobachten und zählen ist ein Wirklichkeitstest, der Eltern zu erfassen zwingt, was ihr Kind tatsächlich tut. Der Aha-Effekt, der dabei üblicherweise eintritt, verrät, wie sehr ein ungeprüfter Eindruck täuschen kann. Zudem gehört zum Beobachten auch die Selbstbeobachtung. "Ich habe mich durch die Übung gefragt: Was ist eigentlich meine Beziehung zu meinem Kind?", erzählt eine Mutter. "Und festgestellt, dass es viel mehr schöne Momente zwischen uns gibt, als ich gedacht hatte."

Der zweite Schritt ist stets: Verhalten benennen, das die Kinder verändern sollen. Familienregeln aufstellen. Und wieder: ganz konkret. Nicht: Paul soll sich anständig benehmen. Sondern: Er soll aufhören, seine Schwester zu kneifen. Schon bei diesem Schritt verdampfen viele Probleme, entschärft sich die Konfliktfront. Ist das Verhalten wirklich so schlimm, dass ich es ändern möchte; und mit welcher Begründung?

Der Veränderung dienen viele Strategien, vom "beiläufigen Lernen" bis zur "Fragen-Sagen-Tun-Methode". Aber es gehört dazu beispielsweise auch eine effektive Art, Kinder anzusprechen. Das geht so: auf Augenhöhe mit dem Kind, wofür man sich hinknien sollte; im Abstand von etwa einer Armeslänge, weil Kinder sich sonst nicht angesprochen fühlen; in klaren Worten und ganz ruhig.

Der dritte Schritt: das Kind loben, belohnen. Gewünschtes Verhalten fördern, nicht überschwänglich, aber konsequent. Das ist erstaunlich schwer, hat "Triple-P-Trainer" Kurt Hahlweg beobachtet: "Es ist überraschend, wie selten Eltern mit positiver Bestärkung arbeiten." Die meisten Eltern haben zwar kein Problem, ihre Kinder zu belohnen. Doch sie tun es selten bewusst ein und meist nur bei besonderen Anlässen.

Das Ziel von Triple P dagegen: Zwangsprozesse in Belohnungssysteme zu verwandeln. Manche Eltern müssen Zuspruch regelrecht üben. In einem Rollenspiel in einer anderen Gruppe sollte ein Vater seinem Sohn ein Lob zollen; er dachte einige Momente nach und bellte dann heraus: "Schön, dass du endlich mal tust, was ich dir dauernd sage." Da wird verständlich, warum zum Training auch konkrete Formulierübungen für "beschreibendes Lob" gehören.

Besonders heikel ist der vierte Schritt: Strategien im Umgang mit Problemverhalten. Darunter auch solche, die oft entschiedenen Widerstand hervorrufen. Etwa der Vorschlag, auf Drohungen zu verzichten. "Wenn... dann..."-Sätze sind vermutlich die beliebtesten im Kinderzimmer, Strafverheißung ist Mamis letzte Waffe - die fast immer in Geschrei endet. Triple P empfiehlt stattdessen "logische Konsequenzen" - weil Kinder nicht durch Worte lernen.

Max will morgens nicht die Hose anziehen? Gut, dann geht er im Schlafanzug in den Kindergarten. Paula und Franziska streiten sich lauthals, welcher Videofilm laufen soll - also bleibt der Fernsehapparat eine Viertelstunde lang aus. Nicht reden, handeln. Der Vorteil für Eltern ist: Sie können ganz ruhig bleiben. Doch gerade das fällt vielen schwer, weil sie sich in diesen Situationen gewissermaßen selbst abschaffen: Nicht sie, sondern die Konsequenzen sprechen. Das erleben Eltern in Zeiten, in denen "Reden" als höchste Erziehungstugend gilt, als narzisstische Kränkung.

Noch umstrittener sind nur noch "Stiller Stuhl" und "Auszeit". Sie bilden die äußersten Mittel der positiven Erziehung: Kinder, die sich partout nicht beruhigen, müssen je nach Alter für zwei bis zehn Minuten in eine Ruhezone, zum Abkühlen. Diese "Strafe" soll Brüllen und Schlagen ersetzen. Aber viele der Eltern empfinden sie nur als Variante von "ab in den Kohlenkeller". Doch um die Auszeit haben die Forscher ein ganzes Kompendium von Empfehlungen gebaut, um sie auf ihren Kern zu fokussieren: die Vermeidung von Verstärkung.

 

 

Die wichtigsten Erziehungstipps

 


AUFMERKSAMKEIT UND "WERTVOLLE ZEIT": Ohne ein positives Verhältnis zum Kind sind alle Erziehungsanstrengungen vergeblich. Dazu gehört, mit dem Kind zu reden, ihm mit Interesse zuzuhören, Zuneigung zu zeigen, vor allem auch körperliche. Als "wertvolle Zeit" bezeichnen Forscher über den Tag verteilte kurze Zeitspannen - es reichen ein bis zwei Minuten -, in denen Sie dem Kind Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Viele solcher "Inseln" der Beachtung durch die Eltern sind wichtiger für das Kind und die häusliche Harmonie, als einmal am Tag eine ganze Stunde Zuwendung.

FAMILIENREGELN UND "DIREKTES ANSPRECHEN": Familien sollten sich wenige wichtige Regeln geben, die für alle Mitglieder gelten, etwa: Es wird am Tisch gegessen. Oder: Wir schlagen nicht und schreien uns nicht an - was auch für die Geschwister untereinander gilt. Entscheidend ist: Wird eine dieser Grundregeln verletzt, müssen Eltern sofort einschreiten und auf der Einhaltung beharren ("direktes Ansprechen"). Nur so lernen Kinder die Verbindlichkeit von Übereinkünften.

KLARE ANWEISUNGEN UND "LOGISCHE KONSEQUENZEN": Viele Konflikte in Familien resultieren aus mangelhafter Kommunikation. Eltern geben beiläufige oder unklare Anweisungen, Kinder wissen nicht, was sie tun sollen. Wenn Mütter und Väter etwas von ihrem Kind verlangen, sollten sie dessen Aufmerksamkeit gewinnen, genau sagen, was sie von ihm erwarten, ihm Zeit geben, der Aufforderung nachzukommen - und es anschließend loben. Weigert sich das Kind, sollten "logische Konsequenzen" folgen. Beispiele: Kinder streiten sich lauthals über das Fernsehprogramm, also wird das TV-Gerät ohne Debatte für zehn Minuten abgeschaltet. Oder: Ein Sohn will den Fahrradhelm nicht aufsetzen, also wird das Fahrrad für eine halbe Stunde weggestellt. Wichtig: Eltern, die nicht bereit sind, eine Konsequenz durchzusetzen, sollten ein Problemverhalten erst gar nicht ansprechen. Tadeln und Drohen ohne Folgen führen nur zu Streit.

UNGEWOLLTE BELOHNUNG: Wenn Eltern einem Kind Spielzeug oder Süßigkeiten geben, um es von einem Fehlverhalten abzubringen, wird dessen Verhalten vielmehr belohnt - und tritt wahrscheinlich häufiger auf. Auch Schimpfen oder langes Diskutieren schenken Aufmerksamkeit und verstärken eher das Verhalten, das verhindert werden soll.


ESKALATIONSFALLEN: Kinder lernen schnell, dass ihnen durch Steigerung eines Verhaltens ein Wunsch eher erfüllt wird. Der Sohn fordert kurz vor dem Mittagessen immer lauter Süßigkeiten; gibt die Mutter irgendwann nach, wird das Kind für die Eskalation seiner Ansprüche belohnt. Ähnlich falsch wäre es, wenn Eltern sich angewöhnen, immer aggressiver zu werden, um ihr Kind zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen.

IGNORIEREN VON ERWÜNSCHTEM VERHALTEN: Einige Kinder haben wenig oder gar nichts davon, wenn sie sich gut benehmen. Im Gegenteil: Angemessenes Verhalten findet meist viel weniger Beachtung als schlechtes. Wenn Kinder bei gutem Betragen ignoriert werden, lernen sie, dass sie nur durch Krawall auf sich aufmerksam machen können.

INEFFEKTIVER UMGANG MIT ANWEISUNGEN: Ob Kinder eine Anweisung befolgen, hängt stark davon ab, wie Eltern sie geben. Die häufigsten Probleme dabei:

  • zu viele Anweisungen auf einmal, sodass Kinder das Gefühl bekommen, es ihren Eltern überhaupt nicht recht machen zu können.
  • Überforderung. Ein dreijähriges Kind, das sein Zimmer allein aufräumen soll, ist schlicht zu jung für die Aufgabe.
  • Anweisungen zur falschen Zeit. Das Kind sieht sich einen Film an, die Mutter ruft ihm im Vorbeigehen einen Auftrag zu - so wird Streit programmiert, weil das Kind die Aufforderung wahrscheinlich nicht einmal gehört hat.
  • Ungenaue Anweisungen. Kinder sind nicht in der Lage, vage oder abstrakte Order zu entschlüsseln, etwa: "Sei nicht albern", oder "Benimm dich ordentlich". Kinder müssen genau und Schritt für Schritt erfahren, was von ihnen verlangt wird.

WIRKUNGSLOSER EINSATZ VON STRAFE:
Strafe wird angedroht, aber nicht ausgeführt. Auch wenn Drohungen zunächst wirken, werden Kinder schnell lernen, sie zu ignorieren, wenn Eltern keine Taten folgen lassen.

  • Im Zorn erteilte Strafe. Dabei besteht immer das Risiko, dass Eltern die Kontrolle verlieren und dem Kind weh tun.
  • Inkonsequente Strafanwendung macht es für Kinder nahezu unmöglich, einzuschätzen, was von ihnen erwartet wird. Auch wenn Mutter und Vater nicht gemeinsam für Konsequenz einstehen, können Verhaltensprobleme auftreten.

EMOTIONALE MITTEILUNGEN: Demütigende Äußerungen wie "Du bist einfach nur dumm" schwächen das Selbstwertgefühl des Kindes und lösen Widerstand und Wut aus. Es muss für Eltern immer darum gehen, Verhalten zu regulieren, nicht die Persönlichkeit des Kindes anzugreifen.