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Soziale Phobie Kompendium - Angst vorm Händezittern

Angst vorm Zittern (Tremor)

  1. Das Problem
  2. Beispiel
  3. Ursachen
  4. Lösungen

 

Das Problem

 

Viele Menschen haben in ganz bestimmten, sehr eingegrenzten Situationen im Kontakt mit Anderen Probleme. Man schätzt, dass etwa 25% aller Menschen schüchtern sind, d.h. sich in sozialen Kontakten eher zurückhalten, versuchen, nicht aufzufallen oder nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen können. Besonders schwierig ist für viele die Situation, wenn sie auf unbekannte Personen treffen und/oder im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen (bzw. zu stehen glauben). Und noch einmal schwieriger wird es, wenn sie das Gefühl haben, dass sie in solchen Situationen unsicher wirken, insbesondere zittern....

Was denken andere über Menschen, die zittern? Diejenigen, die Angst vor dem Zittern haben, malen sich hier die schlimmsten Bilder aus: Sie glauben, dass andere denken, dass man ja wohl unglaublich unsicher sein muss, damit so etwas passiert, dass man geradezu "verrückt" oder seltsam sein muss. Oder sie glauben, dass die Anderen sicher denken, man sei AlkoholikerIn und zittere, weil man gerade nicht genug getrunken habe. Auf jeden Fall: Normal sei es nicht, so zu zittern.

In vielen Fällen haben die Betreffenden in anderen Bereichen keine Schwierigkeiten: Sie können in engen Beziehungen durchaus ihre Wünsche äußern und sich auch durchsetzen; auch im beruflichen Bereich sind sie nicht eingeschränkt, solange sie nicht gerade nach außen hin auftreten müssen. Bei anderen ist das Zittern dagegen nur die Spitze des Eisbergs: Sie haben auch in anderen zwischenmenschlichen Kontakten große Schwierigkeiten, sind unglücklich und können ihre Lebensziele nicht verwirklichen.

Die meisten Menschen, die Angst vor dem Zittern haben, würden sich vermutlich als eher unsichere oder schüchterne Menschen bezeichnen. Sie machen sich ohnehin viele Gedanken darüber, wie sie auf andere wirken, ob sie sich richtig verhalten, ob man etwas tut oder besser lässt. So stehen sie gerade in sozialen Situationen leicht unter Spannung und sind mehr mit ihrer Angst als mit der Situation beschäftigt. Genießen können sie solche Situationen ohnehin kaum einmal.

Manche Personen, die Angst vor dem Zittern haben, sind aber auch beruflich besonders erfolgreiche Menschen, die viel mit anderen zusammen sind und häufig unter besonderem Konkurrenzdruck stehen. Sie haben das Gefühl, dass die Anderen nur darauf warten, dass sie einen Fehler machen, sie sich geradezu im Haifischbecken befinden. So achten sie denn in sozialen Situationen sehr stark auf sich und stehen unter einer enormen Anspannung.

 

 

Beispiel

 

Wo immer er es kann, vermeidet Herr K. Situationen, in denen er im Mittelpunkt stehen könnte. Soweit möglich, erledigt er z.B. alles telefonisch oder über das Internet. In seiner Sparkasse ist er schon seit Jahren nicht mehr im Kontakt zu den Angestellten gewesen - er geht nur zum Geld- und Kontoauszugsautomaten, da es ihm immer sehr unangenehm ist, wenn man ihm bei der Unterschrift auf die Finger sieht und dabei sein Zittern sieht. Er kauft auch möglichst nur per Katalog ein: Schlimm ist es ja, wenn er unterschreiben muss oder wenn er Geld raussuchen muss; immer sehen ihm die Anderen auf die Finger und denken sich sicherlich ihr Teil...


Auch im Restaurant ist Herr K. schon lange nicht mehr gewesen, obwohl er eigentlich gern mal essen gehen und nicht immer selbst kochen würde. Aber wie soll das gehen? Er ist sich ziemlich sicher, dass er sofort zittern würde, wenn er versuchen würde, das Glas zu heben, sicher würde er auch etwas verschütten. Wie sollte er sich denn z.B. Sprudel ins Glas eingießen? Auch beim Essen: Wenn er schon die Gabel in die Hand nehmen würde, würden sicher alle sofort sehen, wie schrecklich seine Hände zittern würden. Deshalb kann er mittags nicht in die Kantine gehen und achtet an seinem Arbeitsplatz darauf, dass er nur dann etwas trinkt oder isst, wenn niemand anders im Zimmer ist. Gelegentlich kommt er so gar nicht zum Essen.


Manchmal kann Herr K. solche Situationen nicht vermeiden. Z.B. wenn im Betrieb Weihnachtsfeier gefeiert wird und alle zusammen in ein Restaurant gehen. Herr K. ist schon Wochen vorher beim Gedanken daran ganz nervös und geht vorher schon mal gucken, wie hell das Restaurant ist und wo man sich vielleicht in eine dunkle Ecke setzen kann. Wenn das möglich ist, kommt er schon möglichst früh, damit er sich in die entsprechende Ecke setzen kann. Wenn überhaupt, isst er an einem solchen Abend nur "einfache" Dinge, wie z.B. ein Sandwich.
Seinen Kollegen erzählt er dann immer, dass er vorher schon bei Verwandten habe etwas essen müssen, oder dass er sich den Magen verdorben habe und deshalb leider nichts essen könne. Bei solchen Feiern ist für ihn auch schlimm, dass er immer so stocknüchtern bleibt, die anderen ihn deswegen auch schon mal ansprechen, obwohl er eigentlich gern Wein trinkt. Eigentlich schon - aber er kann ja nicht.


Wenn es sich partout nicht vermeiden lässt, dass er mit seinen Händen etwas tun muss, man ihm vielleicht auf die Finger sieht, konzentriert sich Herr K. ganz genau darauf. Er spürt schon mal in seine Finger rein, hält den Arm mit der anderen Hand fest und umfasst das Glas (oder den Stift, die Gabel oder was auch immer) ganz fest. Dann schaut er in die Runde und vergewissert sich, ob jetzt gerade niemand guckt. Wenn die Luft "rein" erscheint, hebt er ganz schnell das Glas zum Mund, kippt schnell möglichst viel in den Mund und stellt das Glas zurück. Gut geht es ihm nicht dabei. Schon mehr als einmal hat er bemerkt, wie dann doch gerade jemand guckte und ihn ziemlich genau und wohl etwas erstaunt ansah. Bestimmt sieht es auch komisch aus, wie er so trinkt.


Herr K. kann sich ja auch in solchen Situationen gar nicht auf das Gespräch oder die Situation oder die Aufgaben, die ihm gestellt werden konzentrieren. Er ist ganz damit beschäftigt, das Zittern zu vermeiden. So müsste er eigentlich manchmal nachfragen, weil er was nicht mitgekriegt hat. Aber dann würden ihn ja sicher alle angucken und er fiele erst mal so richtig auf. Außerdem: Auch seine Stimme hört sich manchmal so komisch an.

 

Ursachen

  In vielen Fällen haben Menschen mit Angst vor dem Zittern irgendwann in ihrem Leben mindestens einmal die Erfahrung gemacht, dass andere sich über sie lustig gemacht haben oder sie in irgendeiner Situation richtig aufgefallen sind und sich in Grund und Boden geschämt haben.


Es gibt viele Gründe, warum jemand zittert. In vielen Fällen drückt sich hier eine übergroße Anspannung aus. Vor lauter Konzentration und Spannung verkrampfen die Muskeln regelrecht. Bei längerer Anspannung fangen wir alle irgendwann an zu zittern: Wenn Sie mal den Arm hochhalten und längere Zeit die Spannung halten, merken Sie nach einiger Zeit, wie Ihr Arm automatisch zu zittern beginnt, unabhängig davon, ob nun andere Menschen dabei sind oder nicht. Spannung, die z.T. gerade aufgrund von Unsicherheit entsteht, ist bei weitem der häufigste Grund dafür, dass man zittrig wird.


Andere Gründe können z.B. auch Medikamente sein: Eine ganze Reihe haben eine gewisse Zittrigkeit als Nebenwirkung oder auch als Spätschaden (z.B. bei Neuroleptika). Auch Nervenentzündungen können Zittern als Folge haben.
Sicher kann Zittern auch bei ausgeprägter Alkoholabhängigkeit beim Entzug auftreten. Aber das ist die Ausnahme.


Menschen, die das Gefühl haben, zu zittern, sind fast immer sehr streng mit sich. Ihre Umwelt bemerkt noch lange nichts, wenn sie schon denken, dass man einen Schlüssel in ihrer Hand laut klappern hören würde. Häufig sind sie so sehr davon überzeugt, dass sie ganz schrecklich zittern, dass sie anderen noch nicht einmal dann glauben, wenn diese auf direktes Befragen sagen, dass sie nichts bemerkt haben. Wer glaubt zu zittern, glaubt auch leicht, dass die Anderen ihn nur schonen wollen, dass es denen fast selbst schon peinlich ist, diese offensichtliche Seltsamkeit ihres Gegenübers anzusprechen.

So ist dann derjenige, der glaubt zu zittern, nicht davon zu überzeugen, dass es eigentlich nicht so schlimm ist.
Selbst wenn sich etwas verbessern würde, kann Herr K. es kaum mitkriegen, da er sich ja auf sein eigenes negatives Gefühl diesbezüglich verlässt. Und selbst wenn es in einer Situation doch mal etwas besser ging, führt Herr K. dies darauf zurück, dass er ja so aufgepasst hat, dass seine Hand nicht zittert, dass er sie festgehalten hat, sich ganz darauf konzentriert hat. Täte er dies nicht, sähe es doch ziemlich schlecht aus...

 

 

Lösungen

 

Es ist ganz normal, gegenüber Unbekannten und in fremden Situationen ein gewisses Unbehagen zu erleben. In einem gewissen Umfang erleben dies alle Menschen: Es ist im vorhinein nicht klar, ob die anderen freundlich gesonnen sind, ob man einen "gemeinsamen Draht" findet oder aber eher kritisch betrachtet wird. Es ist sinnvoll, sich dies vor Augen zu führen und den anderen nicht die völlige Selbstsicherheit zu unterstellen.


Soziale Unsicherheit sieht man nicht, man spürt sie vor allem. Selbst wenn Personen glauben, dass sie in kritischen Situationen rot wie eine Tomate werden, furchtbar stottern und sich auch sehr aufgeregt fühlen, kriegen die anderen das nicht unbedingt mit. Wenn irgend möglich, sollten Sie nach einer für Sie schwierigen Situation einmal einen Freund oder eine gute Bekannte fragen, ob man Ihnen Ihr Zittern denn angesehen hat. Damit Ihr schlechtes Gefühl Ihnen keinen Streich spielt, schreiben Sie sich vorher auf, wie Sie glauben gewirkt zu haben , was Sie glauben, was Ihr Freund sagen wird und ab wann Sie glauben, dass es wirklich nicht so schlimm war.


Auch wenn man Angst davor hat, zu zittern, hat man manche Situation doch besser bewältigt. Es lohnt sich, sich eine solche Situation vor Augen zu führen und einmal zu überlegen, was denn in der Situation anders war und vor allem, was Sie dort anders gemacht haben:

  • Haben Sie sich vorher weniger Gedanken über die Situation gemacht?
  • Haben Sie weniger an die letzte Katastrophe gedacht?
  • Haben Sie sich gut zugeredet?
  • Haben Sie sich daran erinnert, dass auch andere in solchen Situationen innerlich nicht so entspannt sind, wie sie aussehen?
  • Haben Sie in der Situation mehr auf Ihre Umgebung als auf sich geachtet?
  • Haben Sie nicht so hohe Ansprüche an sich gestellt?
  • Haben Sie sich vielleicht sogar gesagt, dass das Zittern gar nicht so auffällig ist, wie es Ihnen die Angst zu sagen scheint...

Experimentieren Sie doch mal mit dem Zittern: Stellen Sie sich vor, wie es wäre, wenn Sie z.B. bei einer Unterschrift ganz stark zittern würden. Führen Sie sich die schlimmste Situation vor Augen und schreiben Sie sich ihre Prophezeiungen auf. Und dann: Setzen Sie das einmal um. Gehen Sie in eine solche Situation und zittern Sie absichtlich, viel stärker noch als Sie sonst glauben, es zu tun. Und achten Sie dann genau darauf, wie die Anderen reagieren. Wenn es geht, nehmen Sie sich besser noch einen Freund mit, der genau aufzeichnet, was passiert. Vergleichen Sie dies dann mit Ihren Befürchtungen. Und diskutieren Sie Ihre Erfahrungen nicht als Sonder- oder Ausnahmefall weg, sondern experimentieren Sie weiter.


Wenn man schon vorwegnimmt, dass es diesmal bestimmt wieder schlecht ausgehen wird, kann es nicht klappen. Auch können Sie nicht davon ausgehen, dass es immer nur Fortschritte gibt. Führen Sie sich vor Augen, dass Lernen immer wieder auch mit kleinen Rückschritten verbunden ist. Aber irgendwo in Ihnen gibt es Fähigkeiten, die Sie schon so weit gebracht haben, wie bei der letzten guten Situation. Das Entscheidende ist, dass Sie es immer wieder versuchen - und jeder Versuch ist ein Erfolg, weil Sie es geschafft haben, Ihre eigenen Bedenken und Ängste wieder einmal zu überwinden.
Es ist verführerisch, sich zu sagen "wenn ich erst selbstbewusster bin, werde ich nicht mehr zittern. Im Moment bin ich es aber nun mal nicht". Selbstbewusstsein ist nicht Voraussetzung, sondern Ergebnis vieler Situationen, in denen jemand etwas gewagt und erreicht hat. Zudem ist Selbstbewusstsein ein sehr verletzliches Gut, das immer wieder gepflegt und durch Mut gestärkt werden muss.

Wenn Ihre Ängste Sie bei der Verfolgung Ihrer beruflichen oder privaten Ziele beeinträchtigen, sollten Sie Literatur, Beratung durch entsprechende Beratungsstellen oder auch psychotherapeutische Hilfe (wenn die Schwierigkeiten die beruflichen oder privaten Möglichkeiten massiv einschränken) in Anspruch nehmen. Man kann einiges gegen solche Ängste tun. Sie können durch solche Angebote, neue Anregungen bekommen und Ihren Mut, sich solchen Situationen auszusetzen, unterstützen lassen. Eine gewisse Bereitschaft, Zeit und Mühe darauf zu verwenden, sollten Sie mitbringen.

Sollten Sie das Gefühl haben, dass Sie es nicht aus eigener Kraft schaffen, Ihre Schwierigkeiten zu überwinden, bietet es sich zunächst an, Angebote der Volkshochschulen etwa zur "sozialen Kompetenz" oder "Selbstsicherheit" wahrzunehmen. In der Regel werden hier Gruppen angeboten, in denen Sie mit Unterstützung für Sie schwierige Situationen üben können und in denen Sie vor allem etwas darüber erfahren können, wie Sie auf andere wirken und welche Schwierigkeiten diese haben.

Auch Beratungsstellen für Ehe-, Familien- und Lebensberatung bieten Beratung und psychosoziale Unterstützung an. In vielen Fällen wird hier in Gruppen gearbeitet, so dass Sie die schwierigen Situationen lebensnah üben können.

Wenn die Probleme Sie so stark beeinträchtigen, dass Sie Ihre privaten oder beruflichen Ziele nicht mehr erreichen können, bieten auch Psychologinnen und Psychologen, vor allem mit verhaltenstherapeutischer Qualifikation, Beratung und psychosoziale Unterstützung speziell für Ihre Schwierigkeiten an. Die Kosten übernehmen in der Regel die Krankenkasse. Erkundigen Sie sich bei Aufnahme einer entsprechenden Behandlung, ob die jeweilige Person bereits mit Menschen mit sozialen Schwierigkeiten gearbeitet hat und mit Ihnen auch solche Situationen durchspielen würde.