Mir ging es so, daß ich große Probleme damit hatte, daß ich ständig dachte, daß gibt es nicht, was passiert da in "meinem" Gehirn, warum geht es mir z.B. schlechter, wenn ich viel versuche, über das zu sprechen, was da als Erinnerungs-Flashs kam, warum finde ich keine Worte dafür.....
Ich habe dann begonnen, mich mit den bisher bekannten Hintergründen von
Trauma zu beschäftigen, habe wissenschaftliche Bücher gelesen und Kongresse
besucht.
Mir hat das geholfen.
Es hat geholfen, zumindest ansatzweise zu verstehen, warum mir manche Dinge
nicht gut tun, die anderen gut tun, warum mein Th*rapeut manchmal bremste.
Vielleicht hilft es auch anderen.
Was passiert in unserem Gehirn bei Tr*umatisierung?
Man kann das recht einfach darstellen. Erstmal kommt ja Information über
Augen, Ohren, Geruch, Gehör, Geschmack und Tastsinne in unserem Gehirn an. Das
ist so, als wenn ich gerade die Tastatur meines Computers betätige, elektrische
Signale werden weitergeleitet.
In ersten Zentren, werden diese so
"übersetzt", daß sie in einer für unser Gehirn (oder unseren Computer)
verarbeitbaren "Sprache" weitergeleitet werden können. So treffen also Signale
(Informationen) aus den unterschiedlichsten Regionen erstmals zusammen - in
einer Zwischenstation, den Amygdala. Diese Informationen liegen dort wie
ein Scherbenhaufen, der noch zusammengefügt werden muß. Das kann in den Amygdala
nicht passieren, dafür ist dieser "Zwischenspeicher" nicht ausgestattet. Wie bei
unserem Computer müssen die Informationen an eine andere Stelle weitergeleitet
werden. Bei unserem Gehirn ist das die linke Gehirnhälfte und ganz besonders das
Broca-Zentrum, unser Sprachzentrum. Hier werden die "Scherben"
zusammengefügt, in einen Zusammenhang gebracht und Worte dafür gefunden - es
entsteht eine erzählbare Geschichte.
Diese kann an unsere Gedächtnisspeicher zur Archivierung weitergeleitet
werden, ähnlich wie wir Dateien auf der Festplatte unseres Computers speichern.
Diese "Festplatte" heißt in unserem Gehirn Hippocampus.
Damit erklärt sich aber auch, welcher Unterschied zwischen Amygdala (dem
Zwischen- oder Arbeitsspeicher) und dem Hippocampus (Festplatte) besteht - der
Zugriff auf die Festplatte dauert wesentlich länger. Deshalb hat man im
Arbeitsspeicher gerade die für die jeweilige Anwendung benötigte Information -
genau wie in unseren Amygdala.
Man stelle sich vor, unsere Vorfahren, die
Höhlenmenschen wären einem Säbelzahntiger begegnet - da ist es wichtig so
schnell als irgend möglich entweder zu fliehen oder anzugreifen. Beim Zugriff
auf eine langsame "Festplatte" hätten die unnötig viel Zeit verloren.
Es gibt dabei ein Problem - wie beim Computer können bei "Überhitzung
Kabel durchschmoren".
Und genau das passiert bei Tr*umatisierung - die
Verbindung zwischen Amygdala und Broca-Zentrum wird unterbrochen.
Die Auswirkungen
Das bedeutet, das der "Scherbenhaufen" in den Amygdala hängen bleibt. Es
können kaum Worte gefunden werden und es genügt die kleinste "Erschütterung",
daß wieder alles durcheinander geht.
Das nennt man dann Flashbacks, was dann
passiert.
Wenn da ein Scherbenhaufen liegt, für den man keine Worte findet,
verwundert es auch nicht mehr, daß man nicht erzählen kann, was passiert ist.
Wie oft habe ich gedacht, daß ich "spinne", nur weil ich den Zusammenhang
zwischen all den Flashs nicht herstellen konnte. Keine zusammenhängende Handlung
erinnerte, sondern nur Fragmente.
Anfangs habe ich versucht, trotzdem Worte zu finden und mit jedem Mal ging es mir schlechter - der Scherbenhaufen wurde immer und immer wieder aufgewirbelt, ohne daß ich Werkzeuge gehabt hätte, ihn zu ordnen.
Wenn die
Traumatisierung besonders früh beginnt (vor dem 5. Lebensjahr) und meist
chronisch ist, dann schafft unser Gehirn etwas weiteres:
Es dissoziiert
nicht nur die Erinnerung, sondern teilt diese auf unterschiedliche
Persönlichkeiten auf. "Geteiltes Leid ist halbes Leid". Und unterschiedliche
Personen können den Anforderungen der Täter viel besser gerecht werden. Der
Anforderung, trotzdem in der Öffentlichkeit zu funktionieren, "nett" zum " Vati"
zu sein.
Eine Multiple Persönlichkeit entsteht. Wir vermeiden den Ausdruck
"Störung",
da wir uns nicht als "Störung" erleben, sondern eben als
Haufen von Personen, die sich nunmal einen Körper teilen.
"Schutz- und Reparaturmöglichkeiten"
Irgendwann habe ich
begriffen, daß es besser ist, das gut zu "isolieren" und nur hervorzuholen, wenn
die äußeren Bedingungen es sinnvoll machten - in einer guten Th*rapie mit einem
qualifizierten Th*rapeuten. erst jetzt begann es mir besser zu gehen.
Die
Scherben wurden nur noch gut vorbereitet, praktisch mit "Handschuhen"
hervorgeholt, so konnten sie nicht mehr so schm*rzen.
Das was wir zum "einpacken" verwendet haben, waren Bilder, innere Bilder.
Manche nennen das hypnotherapeutisches Arbeiten, andere Imaginationsübungen. Die
Namen sind egal, es geht darum, diese tr*umatischen Erinnerungen distanzieren zu
können, ob man nun das Bild eines Kinos, eines inneren Tresors oder sonstwas
dafür nimmt, hängt nur von einem selbst ab.
Wir haben dafür ein m*gisches
Buch, das wir einfach zuklappen und aufschlagen und in dem diese Erinnerungen in
unserer Vorstellung niedergeschrieben stehen.
Innere Bilder kann man dafür
nutzen, denn Bilder produzieren wir in einem anderen Teil unseres
Gehirns.
Traumabearbeitung
Das ist praktisch das Überbrücken bzw. Reparieren des "durchgeschmorten
Kabels" zwischen Amygdala und Hippocampus. Dafür gibt es zur Zeit zwei
Möglichkeiten.
Zum einen kann man die inneren Bilder nutzen und das Alte wie
auf einer Kinoleinwand oder auf dem Fernseher etc. als Film ablaufen lassen und
langsam die abgespaltenen Gefühle etc. dazu holen (die Scherben hinzufügen).
Zum anderen gibt es inzwischen das EMDR (eyes movement Desensitization and
reprocessing), von dem keiner weiß, wie es funktioniert, nur daß es irgendwie
funktioniert.
Dabei wird grob gesagt, der Beginn einer tr*umatischen Szene
in der Vorstellung fokussiert, normalerweise versucht man dazu noch negative und
positive Selbsteinschätzungen, die diese Szene betreffen, zu erarbeiten und dann
folgt man entweder der raschen Bewegung der Th*rapeutenhand von ganz rechts bis
ganz links oder der Th*rapeut tippt immer abwechselnd in die Handflächen oder
ein abwechselndes Fingerschnippen rechts und links vom Ohr.
Inzwischen
gibt's auch elektronische Geräte die optische oder akustische St*mulation
übernehmen können.
Uns kam das bisher immer vor wie Achterbahnfahren. was
aber deutlich wurde: Es verringert Barrieren zwischen uns und ich beginne für
manche Dinge plötzlich Worte zu finden, ohne daß ich mich sonderlich bemühen
muß. Plötzlich sind sie da.
Warnung
Ich würde Tr*umabearbeitung immer nur mit gut ausgebildeten Th*rapeuten
machen.
Nur vom Bücherlesen ist ein Th*rapeut dazu nicht qualifiziert. Laßt
Euch seine/ihre Ausbildungszertifikate zeigen. Über jede Ausbildung, die man
gemacht hat, gibt es Bescheinigungen. Ein guter Th*rapeut wird sich daran nicht
stören, sondern sich freuen, daß seine KlientIn so sorgsam mit sich
umgeht.
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